Interview

„Es werden immer mehr Tabus gebrochen“

von Stefan Wirner

Versammlung der Neuen deutschen Medienmacher*innen.
Versammlung der Neuen deutschen Medienmacher*innen.

Frau Vassiliou-Enz, wenn Sie die Berichterstattung über Migration und Integration verfolgen, was fällt Ihnen auf?

Ich habe den Eindruck, dass es bei einigen Themen einen Backlash gibt. Ich kann das nicht empirisch belegen, aber mir scheint, dass wir schon einmal weiter waren.

An welchen Stellen beobachten Sie das?

Migrationsforscher sprechen von drei verschiedenen Arten von Diskursen: dem humanitären, dem ökonomischen und dem rassistischen Diskurs. Mein Eindruck ist, dass der rassistische Diskurs stärker bedient wird, etwa wenn man sich bestimmte Debatten im Bundestag anhört. Es wird immer salonfähiger, rassistisch über Menschen zu sprechen. Da werden immer mehr Tabus gebrochen, was sich auch in der Berichterstattung wiederfindet.

Warum ist der rassistische Diskurs stärker geworden?

Dafür gibt es verschiedene Gründe, einer ist sicherlich die Anwesenheit der AfD in den Parlamenten. Das wirkt dann hinein in die Medien, wo Statements zitiert oder Begriffe übernommen werden, ohne sie in entsprechender Weise einzuordnen. Oder wenn aktuell von einem „Kontrollverlust“ an der griechisch-türkischen Grenze gesprochen wird, wenn Leute entmenschlicht werden und die Rede davon ist, dass „wir“ uns vor irgendwas schützen müssten. Wenn Grenzen schutzbedürftiger erscheinen als Menschen.

Sehen Sie auch positive Entwicklungen in der Berichterstattung?

Ja, etwa nach dem Anschlag von Hanau. Da haben viele Medien relativ schnell von einer rassistisch motivierten Tat gesprochen und nicht von einer fremdenfeindlichen. Was ja zutreffend war, denn die Opfer waren keine Fremden.

Sehen Sie Unterschiede zwischen lokaler und bundesweiter Berichterstattung?

Natürlich. Lokale Berichterstattung ist einfach näher dran an den Menschen. In der lokalen Presse werden die Leute viel öfter als Individuen gezeigt als Menschen, die ganz selbstverständlich dazugehören, etwa wenn es um ein Stadtfest geht oder dergleichen. Diese Entindividualisierung, dieses Framing zu einer Masse, die angeblich irgendetwas bedroht, passiert eher, wenn es um abstrakte Gruppen geht. In Kommunen, wo viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, werden sie oft viel selbstverständlicher als Teil der Stadtgesellschaft wahrgenommen. Das trägt zu einer Normalisierung bei und zeigt sich oft auch in der Lokalpresse.

Der Bericht vom Stadtfest ist ja typisch fürs Lokale. Da werden dann oft kulinarische Besonderheiten aus aller Welt vorgestellt etc. Würden Sie sich auch noch andere Formen der Berichterstattung wünschen?

Ich finde es immer schwierig, wenn man sich so etwas vornimmt wie: Jetzt machen wir einmal eine Serie über erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund etc. Da wird dann schnell so ein paternalistischer Blick eingenommen, nach dem Motto: Schau mal, die Ausländer, da gibt es auch welche, die was können. Das heißt ja dann umgekehrt: Das sind die Ausnahmen. Normalerweise können die nichts und sind alle arbeitslos. Besser finde ich es, die ganze Palette der Einwanderungsgesellschaft als Normalität abzubilden. Etwa wenn man eine Umfrage zu einem x-beliebigen Thema macht und ganz selbstverständlich auch Menschen mit Migrationshintergrund befragt, auch wenn das Thema überhaupt nichts mit Migration zu tun hat. Die Leute sind ja genauso betroffen von irgendwelchen kommunalpolitischen Entscheidungen wie alle anderen.

In den vergangenen Monaten wurde ja auch heftig über die Nennung der Ethnie bei Straftaten diskutiert. Der Presserat sah sich genötigt, die Richtlinie 12.1. des Pressekodex zu konkretisieren (drehscheibe 2/2020). Was sagen Sie zu dem Problem?

Ich finde die Entwicklung in dieser Frage besorgniserregend. Thomas Hestermann von der Macromedia Hochschule in Hamburg hat gezeigt, dass in der Kriminalitätsberichterstattung von Zeitungen Tatverdächtige mit ausländischer Herkunft, wie es in dieser Studie heißt, 32 Mal so häufig erwähnt werden, wie es dem tatsächlichen Anteil in der Kriminalitätsstatistik entspricht. Das heißt, dass ein völlig verzerrtes Bild wiedergegeben wird.

Aus manchen Lokalredaktionen hört man das Argument, es habe keinen Sinn, die Herkunft bei gewissen Straftaten nicht zu nennen, weil Informationen darüber meist schon im Internet kursieren und man dann als Zeitung nur unglaubwürdig erscheinen würde, wenn man die Herkunft verschweige, nach dem Motto: Die wollen was vertuschen.

Zeitungen werden von Journalisten produziert, die ihren Beruf erlernt haben. Die 
schreiben sonst auch nicht jeden Unfug ab, nur weil er im Internet steht. Eine Redaktion sollte entscheiden, was sie für relevant hält und was nicht und ob sie in Kauf nehmen will, durch ihre Berichte Minderheiten zu diskriminieren und zu stigmatisieren. Wir von den Neuen deutschen Medienmacher*innen folgen da eher solchen Regelungen, wie sie beispielsweise die New York Times aufgestellt hat. Die sagen, wenn man die Herkunft nennt, dann muss im Bericht begründet werden, warum das wichtig ist. In den meisten Fällen ist sie irrelevant. Es wird ja auch nicht erwähnt, wenn es ein Deutscher war, der irgendeinen Diebstahl begangen hat, weil das eben keine Bedeutung hat. Ich denke, das kann man seiner Leserschaft durchaus erklären.

Kann es nicht auch Fälle geben, in denen die Nennung sinnvoll ist?

Sicherlich gibt es Ausnahmen. Nehmen wir an, es geht in einer Grenzregion um organisierte Bandenkriminalität aus dem Nachbarland. Dann muss man natürlich darüber berichten, sonst versteht man ja nur die Hälfte. Aber in den allerwenigsten Fällen trifft das tatsächlich zu. Ich würde mir wünschen, dass die Kolleginnen und Kollegen das sorgfältiger abwägen. Egal ob es sich um lokale oder überregionale Presse handelt.

Konstantina Vassiliou-Enz

ist Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen.

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