Interview

„Food ist super Content“

von Clemens Niedenthal

Essensthemen bieten viele Rezepte für modernen Journalismus. (Foto: Fotolia/Viktor Kochetkov)
Essensthemen bieten viele Rezepte für modernen Journalismus. (Foto: Fotolia/Viktor Kochetkov)

Der Bauer auf der Weide oder das Picknick im Park: Geschichten rund ums Essen können spannend, vielfältig und politisch sein, meint der Food-Künstler Hendrik Haase.

Herr Haase, überall Kochshows, Rezeptmagazine und Ernährungsratgeber: 
So intensiv wie dieser Tage haben sich die Medien noch nie mit unserem Essen beschäftigt.

Das ist doch schon mal eine tolle Ausgangssituation. Die Leute da draußen wollen offensichtlich mehr, als sich nur im Supermarkt den Wagen vollzupacken. Da ist eine neue Sinnlichkeit und auch ein wachsendes gesundheitliches Interesse. Also: Wie hole ich die Leute ab? Wohin geht die Reise? Nur einen dpa-Text über das nächste neue Superfood abzudrucken und den Metzgermeister nach einem Grillrezept zu fragen, das kann es ja nicht sein.

Sollte die Berichterstattung vielfältiger werden?

Ja. Das Thema Food liefert Bilderwelten und holt die Leute bei einem ­Lebensgefühl ab, ob es nun um den Bauern auf der Weide geht, um eine Köchin am Herd oder das Picknick im Park. Das ist super ­Content. Wenn ich das zudem mit journalistischen Grundtugenden würze, mit Reflexion und Recherchetiefe, dann biete ich meinen Lesern einen Mehrwert, den kein Foodblogger und kein Gratisblättchen an der Supermarktkasse hat.

Noch fehlt Ihnen diese Tiefe zu oft?

Food war immer eines der bunten Ressorts. Wer das gemacht hat, meistens eher nebenbei, war in der Redaktionskonferenz etwa so angesehen wie der Autotester oder die Frau, die die Klatschspalte betreut. Wenn ich nun aber weiß, dass die europäische Landwirtschafts- und Ernährungspolitik ganz unmittelbar die Flucht von Menschen aus Afrika forciert, dann ist klar, dass unsere Ernährung, als Lebensstil und als Grundbedürfnis, ins Zentrum der Berichterstattung gehört.

Wie stellen Sie sich das in der Umsetzung vor?

Nehmen wir zum Beispiel das Sterben der kleinen handwerklichen Bäckereien auf dem Land. Dazu möchte ich im Feuilleton einen klugen Text über die Liebe der Deutschen zum Brot lesen. Und auf der Wissenschaftsseite möchte ich erklärt bekommen, was Zöliakie ist und wie viele Bürgerkriege, ja sogar Revolutionen wegen des Brotpreises angezettelt worden sind. Im lokalen Wirtschaftsteil wird mir in einer schicken Infografik der Weg von so einem Teigling aus der Backstation gezeigt und der Lokalreporter geht dann zum letzten übrig gebliebenen Handwerksbäcker im Ort und schreibt eine gerne auch empathische Reportage. Das sind alles für sich wichtige Themen. Ein großes, umfassendes Bild entsteht aber nur, wenn dem Leser Zusammenhänge aufgezeigt werden.

Apropos Empathie: Sie nennen die ­Bauern in ihren Reportagen sogar gerne Ihre „Helden“.

Weil ich zutiefst bewundere, was da gerade in der Provinz passiert. Ich komme gebürtig aus dem Hinterland von Cuxhaven. Die landläufige Meinung: Da gibt es ein paar Krabbenfischer und das war’s. Ich war jetzt ein paar Tage bei meinen Eltern und habe Wasserbüffel gefunden, Wagyu-Rinder, einen Produzenten von Mozzarella, lauter Leute, die sich wirklich mit Haut und Haaren für eine landwirtschaftliche Lebensmittelkultur begeistern. Davon erfährt man aber wenig, wenn man lieber mit dem offiziellen Vertreter des Bauernverbands spricht.

Im vergangenen Jahr haben Sie für das ZDF-Format „Frontal 21“ eine preisgekrönte Geschichte zum Thema Lebensmittel gemacht. Fassen Sie diese Story doch mal kurz zusammen.

Ich habe als Lockvogel eine Firma gegründet und dann mit einem Metzgermeister aus Schlachtabfällen und einer Art Fleischbrei, sogenanntem Separatorenfleisch, eine Jagdwurst gepanscht. Dazu gab es einen schönen regionalen Slogan: „Von hier. Für Euch.“ Wirklich lecker war die Wurst nicht, aber für eine silberne Medaille bei der Prämierung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) hat es gereicht. Immerhin behauptet 
die DLG inzwischen, seither ihre Bewertungskriterien überarbeitet zu haben.

Nun kann sich nicht jede Lokalredaktion in so eine buchstäbliche Unternehmung stürzen.

Aber so kleine Wallraffiaden sollten schon drin sein. Sich einfach mal bei einer Leserin zum Mittagessen einladen und dann das vermeintlich handwerkliche „Essen auf Rädern“ auf Herz und Nieren testen. Und wenn man über die lokale Gastronomie schreibt, kann es auch nicht schaden, mal zwei, drei Tage in einer Wirtshausküche mitgearbeitet zu haben.

Guter Geschmack ist wichtig für 
diesen Job?

Der wichtigste Sinn in der Berichterstattung über das Essen bleibt der Geschmackssinn. Sie glauben nicht, wie oft Journalisten in die von mir mitgegründete Metzgerei Kumpel & Keule kommen und irgendeine fancy Geschichte über die Hipster-Metzger machen wollen. Ja, probiere doch erst mal. Nein, ich bin Vegetarier. Es käme aber keiner auf die Idee, ein neues Album einer Band zu besprechen, nur weil er sich das Plattencover ­angeschaut hat.

Interview: Clemens Niedenthal

Hendrik Haase

hat Kommunikationsdesign studiert und seine Abschlussarbeit über die Wurst gemacht. Heute ist er den Lebensmitteln auf mannigfaltige Weise verbunden, als Food-Aktivist, Blogger, strategischer Berater und Gründer der Berliner Handwerksmetzgerei Kumpel & Keule.

E-Mail me@hendrikhaase.com 


Internet www.hendrikhaase.com

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