Interview

„Darüber sprechen, was uns prägt“

von Katharina Dodel

Benjamin Hindrichs hat mit einer Millionenerbin über Gerechtigkeit gesprochen. (Screenshot: Krautreporter.de)
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Benjamin Hindrichs von den Krautreportern hat mit einer Millionen-Erbin über Gerechtigkeit diskutiert und dabei selbst viel Privates preisgegeben. Er glaubt: Die Biografie jedes Journalisten hat einen Einfluss auf die Themen.

Herr Hindrichs, die Serie, in der Ihr Beitrag erschienen ist, trägt den Titel „Die anderen und ich“. Was steckt dahinter?

Vor einiger Zeit hatte eine Leserin etwas unter einen Text unserer Reporterin Esther Göbel gepostet. Die Leserin schrieb ihr, dass sie das Gefühl habe, die Kluft zwischen einzelnen Menschen und Milieus werde größer. Ihr Gedanke blieb Esther im Kopf hängen, auch weil sie ihr Gefühl teilte. Sie fragte sich: Wo steuert die Gesellschaft hin? Eine Gesellschaft, in der man sich lieber erregt, gern auch öffentlich via Social Media, statt nachzufragen und zuzuhören? Das war die Ausgangsbeobachtung.

Sie sprechen in Ihrem Beitrag mit einer Millionen-Erbin. Wie kam es dazu?

Die Serie lebt von der Begegnung zweier sehr verschiedener Menschen. Diese Unterschiede können Meinungsverschiedenheiten sein, aber auch biografischer Natur. Als Arbeiterkind mit permanenten Geldsorgen aufzuwachsen, das hat mich stark geprägt. Als sogenannter Bildungsaufsteiger bewegt man sich andauernd zwischen verschiedenen Welten: Die Verhaltens-, Sprech- und Denkweisen, die meine Eltern mir beigebracht haben, haben in akademischen Kreisen praktisch keinen Wert. Ich wollte eine Person treffen, die aus einem reichen Haushalt kommt. Für die Recherche habe ich einen Aufruf in unserer KR-Community-Post gestartet. Freya war eine derjenigen, die sich bei mir gemeldet hat.

Wie war es für Sie, selbst Privates preiszugeben?

Die ganze Serie ist bewusst nicht als einfaches Interview gedacht; beide Personen sollen sich auf Augenhöhe begegnen. Und dazu gehört, dass auch die Journalistin oder der Journalist etwas preisgibt. Der Text hat zwei Protagonisten, Freya und mich. Das heißt auch, dass ich mich selbst so befragen muss, dass es ein wenig wehtut. Einerseits war das leicht für mich. Ich war schließlich unglaublich neugierig. Gleichzeitig glaube ich auch, dass wir Journalisten und Journalistinnen öfter transparent darüber sprechen sollten, was uns prägt und ausmacht – gerade mit Menschen, die anders ticken als wir. Denn unsere Biografie hat ja durchaus einen Einfluss darauf, welche Themen mich besonders interessieren oder wie ich mich gewissen Fragestellungen nähere. Soziale Ungleichheit ist kein individuelles Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches.

Weitere Themen der Serie „Die anderen und ich“.
Weitere Themen der Serie „Die anderen und ich“.

Gab es Reaktionen auf den Artikel?

Jede Menge. Ich habe viel Zuspruch erhalten, der zeigt: Das Thema ist brandaktuell. Wir leben in einem Land, in dem von 100 Arbeiterkindern 21 ein Studium beginnen, von 100 Akademikerkindern aber 74. Das ist nur ein Beispiel, das ganz deutlich zeigt: Soziale Ungleichheit ist ein strukturelles Problem.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus dem Gespräch?

Dass der Austausch auf Augenhöhe zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen oder Biografien unglaublich wichtig ist. Wir müssen uns öfter hinsetzen und uns gegenseitig zuhören. Zweitens: Wir sind viele, jeder von uns. Freya ist in einem reichen Haushalt aufgewachsen, das hat ihr viel ermöglicht. In dieser Hinsicht ist sie unglaublich privilegiert. In anderen Hinsichten hat sie aber viel Leid erfahren, wurde ungerecht behandelt. Die dritte wichtige Erkenntnis hängt mit der Frage nach Gerechtigkeit zusammen: Wir sollten unsere Privilegien nicht leugnen, sondern anerkennen und konstruktiv nutzen. Ich finde es wichtig, sich seiner Privilegien bewusst zu werden, um anschließend Verantwortung zu übernehmen. Das ist mir im Gespräch mit Freya noch einmal bewusst geworden.

Was bedeutet Gerechtigkeit für Sie?

Gerechtigkeit hat für mich etwas mit Solidarität zu tun. Mit der Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Meine Antwort: in einer Gesellschaft, in der wir aufeinander Rücksicht nehmen. Soziale Ungerechtigkeit hat viele Gesichter, aber die Wurzel ist finanzieller Natur. Um es in den Worten Rutger Bregmans zu sagen: „Das größte Problem armer Menschen ist, dass sie zu wenig Geld haben.“

Interview: Katharina Dodel

Hier geht es zu einer anderen Folge aus der Reihe „Die anderen und ich“.

Dieses Interview erschien zuerst in der drehscheibe-Ausgabe 1/2021. Zur Ausgabe

Benjamin Hindrichs

ist Reporter bei Krautreporter.de.

E-Mail b.hindrichs@web.de

Internet Krautreporter.de

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