Interview

Lieber nah dran am Menschen

von Stefan Wirner

Mesale Tolu
Mesale Tolu hat sich für's Lokale entschieden. Foto: Daniel Haefele

Frau Tolu, eine Zeit lang standen Sie wegen Ihrer Inhaftierung im Rampenlicht der europäischen Öffentlichkeit. Nun machen Sie ein Volontariat bei der Schwäbischen Zeitung. Von der großen Politik ins Lokale: Warum?

Vielleicht ist es ja die schwäbische Bescheidenheit. Nein, im Ernst, die Entscheidung, ein Volontariat zu machen, ist relativ schnell gefallen. Ich lebe gerne in dieser Region, ich wollte nie weg von hier. Außerdem will ich mir die Grundlagen des Journalismus aneignen, auch das Crossmediale, das heute für jeden Journalisten selbstverständlich sein sollte. Bei der Schwäbischen Zeitung hat sich diese Möglichkeit ergeben, weil hier ein crossmediales Volontariat angeboten wird. Es geht um Radio, Fernsehen, Digitales und ums Lokale.

Inwiefern hat die Haft in der Türkei eine Rolle für Ihre Entscheidung gespielt, ein Volontariat zu machen? Was haben Sie vorher gemacht?

Für die Entscheidung, ein Volontariat zu beginnen, hat die Haft in der Türkei keine Rolle gespielt. Aber generell habe ich wieder eine normale Routine gebraucht, die ich durch die Arbeit erlangen konnte. Vor der Haft habe ich Nachrichten aus aller Welt für die türkische Nachrichtenagentur gemacht, längere Kommentare und Analysen übersetzt und als Reporterin von der Straße berichtet.

Was schätzen Sie persönlich am Lokaljournalismus?

Wenn man beispielsweise in einer großen Stadt arbeitet, vielleicht in einer wie Istanbul, wo alles sehr schnell geht und die Nachrichten kurzlebig sind, wo sich die Politik jederzeit ändern kann, da muss man dann eben auch sehr schnell arbeiten, was leicht oberflächlich werden kann. Und das ist im Lokalen anders. Man hat etwas mehr Zeit, gute Geschichten zu machen, gründlich zu recherchieren und das Handwerk zu lernen. Das war mir wichtig, denn ich hab ja nicht Journalismus studiert, sondern Lehramt.

Für welche lokalen Themen interessieren Sie sich?

Ich habe gerade eine Serie zum Mauerfall gemacht. Da ging es darum, wie Menschen aus der Region den Mauerfall erlebt haben. Das fand ich sehr interessant. Viele glauben ja, im Lokaljournalismus gehe es nur darum, Vereinsheime zu besuchen. Das stimmt natürlich nicht. Und oft sind es die ganz normalen Menschen, die Weltgeschichte schreiben, was man am Mauerfall gut sehen konnte. Ich bearbeite auch politische Themen, da kann es zum Beispiel um Entscheidungen im Gemeinderat gehen, aber am liebsten schreibe ich Texte, die direkt von Menschen handeln. Ich finde es schön, wenn man an einen Menschen herantreten und seine Geschichte erzählen kann.

Wenn Sie in der Region beruflich unterwegs sind, kann es ja durchaus vorkommen, dass jemand Sie aus den Medien kennt. Wie gehen die Leute damit um?

Manche kommen nicht gleich darauf, woher sie mich kennen, da löse ich das dann auf. Aber viele erkennen mich natürlich. Die Menschen hier in der Region sind aber so nett und höflich, dass sie es gar nicht ansprechen wollen. Die halten sich zurück und sagen dann vielleicht am Ende des Gesprächs: Frau Tolu, schön, dass Sie jetzt hier in der Region arbeiten. Sie gehen sehr behutsam damit um, und das finde ich sehr schön.

Hat sich die Stimmung unter den türkischen bzw. kurdischen Zuwanderern in den vergangenen Jahren verändert?

Deutschland hat viele Einwanderer, viele Flüchtlinge wurden aufgenommen, und in den 80er- und 90er-Jahren kamen auch viele Menschen aus der Türkei hierher. Bisher war das Zusammenleben sehr friedlich, ich fand es nie problematisch. Wir konnten diskutieren, wir waren politisch unterschiedlicher Meinung, aber wir haben das Zusammenleben immer als völlig normal empfunden, egal ob Türken, Kurden, Italiener, Spanier usw. Aber natürlich spiegelt sich das in Deutschland wider, wenn in der Türkei die Stimmung schwankt. Die Lage dort beeinflusst die Menschen, die hier leben. Das hat man ja vor Kurzem gesehen, als die Türkei in Nordsyrien einmarschiert ist, da gingen viele auf die Straße. Zum Glück gab es nur wenige Fälle, in denen es zu Provokationen oder Auseinandersetzungen kam. Der direkte Draht zur Türkei ist aber sehr stark bei vielen türkischstämmigen Menschen hier. Das liegt auch daran, dass Erdogan die Stimmung anheizt. Deswegen muss man immer wieder daran erinnern, dass das Zusammenleben nur deswegen so gut funktioniert, weil wir uns an die Werte und Normen dieses Landes halten –und nicht an die der Türkei. Eine Übertragung von Politik bringt nichts.

Lokaljournalisten haben eine große Verantwortung, wenn sich Spannungen verschärfen.

Ja, das stimmt. In solchen Fällen sollte man den Konflikt nicht anfeuern, sondern eben daran erinnern, dass das Zusammenleben gut klappt. Man sollte positive Beispiele zeigen.

Welches Thema bearbeiten Sie gerade?

Ich bereite eine Geschichte vor, aber da will ich noch nichts verraten. Wie gesagt: Mich interessieren Geschichten, die nahe dran sind an den Menschen. Diese Geschichten bringen auch uns Journalisten weiter, sie machen etwas mit uns, verändern uns. Da lassen sich die Themen finden, die wir brauchen und die die Menschen interessieren. Ich merke, dass die Leser sich mehr für Geschichten interessieren, die von den Menschen in der Region handeln als von solchen, die weiter weg sind. Sich darauf zu fokussieren, kann nicht falsch sein.

Zum Nachlesen

Mesale Tolu hat ihre Erlebnisse im türkischen Gefängnis in einem Buch verarbeitet. Der Titel: „Mein Sohn bleibt bei mir!“. Es ist im Rohwohlt-Verlag erschienen und kostet 12,99 Euro. ISBN: 3644003734. Zum Buch: www.t1p.de/buch-tolu

Zur Türkei

Hintergründe über die Türkei, ihre Politik, die Zusammensetzung der Gesellschaft mit ihren Minderheiten gibt es im bpb-Dossier: www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei

Mesale Tolu

ist eine deutsche Journalistin und Übersetzerin und wurde 1984 in Ulm geboren. Im April 2017 wurde sie wegen ihrer journalistischen Arbeit in der Türkei inhaftiert. Im Dezember 2017 wurde sie aus der Haft entlassen, erst im August 2018 konnte sie aus der Türkei ausreisen. Seit dem Sommer 2019 absolviert sie ein crossmediales Volontariat bei der Schwäbischen Zeitung.

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