Interview

„Mehr Diversität in die Redaktionen bringen“

von Selly Häußler

Hadija Haruna-Oelker ist bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und den Neuen Deutschen Medienmacher*innen aktiv.
Hadija Haruna-Oelker ist bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und den Neuen Deutschen Medienmacher*innen aktiv.

Nach dem Tod von George Floyd wird auch hierzulande verstärkt über Rassismus diskutiert. Behandeln lokale Medien das Thema angemessen? Darüber sprachen wir mit Hadija Haruna-Oelker von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland.

Frau Haruna-Oelker, wenn Sie die Berichterstattung über Schwarze Menschen in Lokalzeitungen betrachten: Was würden Sie gerne daran verändern?

Ich würde gar keinen großen Unterschied zwischen lokalen und überregionalen Zeitungen machen. Die Frage ist ja, worüber sprechen wir bei der Berichterstattung. Geht es um Kriminalitätsberichterstattung oder alltägliche Geschichten. Bei Letzterem wäre es schön, wenn Schwarze nicht nur zu bestimmten Themen oder in bestimmten Rollen eine Stimme bekommen oder eben gar nicht. Dass man beispielsweise schaut, wenn es um ein Wirtschaftsthema geht oder um Architektur, ob nicht auch ein Experte mit Migrationsgeschichte ein guter Interviewpartner oder eine Interviewpartnerin wäre. Dann würde man Diversität darstellen, ohne sie in ein spezielles Rampenlicht zu stellen – ein ganz natürlicher Umgang mit der Vielfalt in unserer Gesellschaft. Eine gute Quelle dafür ist der Vielfaltfinder der Neuen Deutschen Medienmacher*innen.

Was fällt Ihnen negativ auf?

Oft ist es so, dass Journalistinnen und Journalisten das abbilden, was in ihrer persönlichen Realität stattfindet. Aber es ist wichtig, die eigene Blase zu verlassen und sich bei den eigenen Geschichten auch mit möglichen Stereotypen auseinanderzusetzen: Muss es das Foto von der Frau mit Hijab und Plastiktüten sein, wenn ich über muslimisches Leben schreibe? Das heißt nicht, dass ich gegen ein Bild mit Hijab bin, sondern ich kritisiere die Einseitigkeit. Eine selbstverständliche Art der Berichterstattung findet nicht überall statt. Aber gerade der Lokaljournalismus kann da eine große Rolle spielen, weil er nah an den Menschen und ihren Geschichten dran ist.

Und welche Probleme sehen Sie in der Kriminalitätsberichterstattung?

Es gibt die Kritik an einer Aufweichung des Pressekodex in der Debatte um den Stereotyp des vermeintlich kriminellen Ausländers. Dabei geht es darum, dass Redaktionen inzwischen mehr oder weniger die freie Wahl haben, ob sie die Herkunft eines möglichen Straftäters benennen oder nicht. Ich finde, als Journalistin oder Journalist sollte man sich immer fragen, ob diese Information wirklich relevant ist oder Ressentiments schürt. Wenn ich die Frage nicht mit „relevant“ beantworten kann und feststelle, dass ich die Herkunft eines weißen deutschen Täters nicht erwähnen würde, dann sollte ich mich fragen, woher das kommt.

Welcher Begriff ist der Richtige für Schwarze Menschen?

Schwarz. Es gibt viele Leitfäden, die man zum Thema Schreiben und Berichten über Schwarze Menschen lesen kann. Schwarz ist ein rassismusfreier Begriff, genauso wie afrodeutsch, weil er von Schwarzen Menschen in Deutschland selbst gewählt wurde. Wenn es um bestimmte Gruppen geht, sollte man immer die Selbstbezeichnung wählen, die der Sprecher oder die Sprecherin oder die großen Verbände dieser Gruppen für sich selbst verwenden. Das N-Wort ist rassistisch und wurde abgelöst von „farbig“, das ebenfalls nicht von Schwarzen selbst gewählt wurde und bis heute noch sehr gängig ist. Man sollte auch alle anderen Bezeichnungen, die man Menschen gibt, um Farbnuancen zu beschreiben – und ich möchte die gar nicht alle wiederholen – einfach weglassen. Schwarze Menschen sind weder Hunde, noch haben sie eine Kaffeefarbe. Weiß und Schwarz sind politische Kategorien, die eine Lebenserfahrung beschreiben und stehen nicht nur für Hautfarben.

Per Klick geht's zur Webseite der Initiative Schwarze Menschen
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Welche Themen sollten in der Berichterstattung stärker berücksichtigt werden?

Die Redaktionen sollten sich fragen, inwiefern sie Themen haben, die divers gedacht sind. Und zwar nicht nur: „Wir erzählen jetzt mal die Geschichte des erfolgreichen Migranten.“ Solche Geschichten gibt es häufig, aber was ist mit den ganz normalen Storys, in denen Schwarze Menschen vorkommen? Und das nicht getreu dem dem Motto „deine Kultur, meine Kultur“, sondern als selbstverständlicher Teil von Deutschland. Das hat viel mit der eigenen Brille zu tun. Deshalb rate ich dazu, mehr Diversität in die Redaktion selbst zu bringen. Das ist auch deshalb so wichtig, weil sich die Gespräche verändern. Die Sprache wird anders, rassistische Begriffe fallen weniger beziehungsweise werden diskutiert und Standards werden neu gesetzt. Sensibilität entwickeln, das tut man am besten gemeinsam.

Wird insgesamt ausreichend über Rassismus berichtet?

Lokalzeitungen leben von den Geschichten der Menschen. Ich kann mir nicht vorstellen und es ist laut Studienlage auch nicht so, dass es in dörflichen Strukturen, in denen oft in Relation weniger Menschen mit Migrationsgeschichte leben als in der Stadt, keinen Rassismus gibt. Aber bitte nicht nur Opferjournalismus betreiben. Nicht nur fragen, wie schlimm es bei ihnen ist, damit Schwarze Menschen immer wieder belegen müssen, dass sie Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben. Sondern sich Expertenstimmen dazu holen, das einordnen lassen und sich erklären lassen: Was macht den Unterschied von Stadt und Land? Was sind die Strategien der Menschen, mit Rassismuserfahrungen im Leben umzugehen? Was bedeutet es, wenn es vor Ort keine Beschwerdestrukturen gibt? Wie sehen die Schulbücher aus? Ich könnte unzählige lokale Zugänge finden. Aber dazu muss man Rassismus erstmal als Thema identifizieren.

Wie könnte in den Redaktionen mehr Sensibilität erzeugt werden?

Es gibt beispielsweise Journalistentrainings der „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“. Da geht es um das Handwerk des Journalismus und die Berichterstattung in der Migrationsgesellschaft. Und ich finde, das sollte auch in der Journalistenausbildung Grundlage sein, denn wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft. Und die, die das noch nicht verinnerlicht haben, sollten sich das klar machen und der Herausforderung stellen, etwas dazuzulernen. Das ist ein Wissen, das man auch als Journalist heutzutage eigentlich haben muss. Egal, ob auf dem Land oder in der Stadt.

Interview: Selly Häußler

Hadija Haruna-Oelker

ist Politikwissenschaftlerin und lebt und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin. Hauptsächlich ist sie für den Hessischen Rundfunk tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Jugend und Soziales, Migration und Rassismusforschung. Sie ist bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und den Neuen Deutschen Medienmacher*innen aktiv. Mehr zu ihr: www.hadija-haruna.de.

 

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