Interview

Membership statt Abo

von René Martens

Ken Doctor ist CEO von Lookout. (Foto: Isaac Wasserman / Lookout Eugene-Springfield)

Die digitale Tageszeitung Lookout aus Santa Cruz ist seit ihrem Start im November 2020 eine der jüngeren Erfolgsgeschichten im Lokaljournalismus. Der Ansatz der Zeitung, die als gewinnorientiertes gemeinnütziges Unternehmen strukturiert ist, ist außergewöhnlich. Ihr Ziel ist es, „dazu beizutragen, dass Santa Cruz County ein besserer Ort für alle wird, die hier leben“. Das Konzept stammt von dem Zeitungsbusiness-Veteran und Medienberater Ken Doctor, dem heutigen CEO des Unternehmens. Wir sprachen mit ihm.

Herr Doctor, Sie nennen die Menschen, die für Lookout bezahlen, nicht Abonnenten, sondern Mitglieder. Warum?

Wir möchten eine Beziehung zu den Menschen aufbauen, in der sie das Gefühl haben, dass wir sie vertreten. Und wir möchten, dass sie uns dabei helfen, diese Beziehung aufzubauen – sowohl hier in Santa Cruz als auch in Eugene, wo wir einen Ableger haben. So entstand die Idee der Mitgliedschaft.

Ich habe lange für Printmedien gearbeitet, die jedoch oft sehr weit von ihren Leserinnen und Lesern vor Ort und auch ihren Lokalredaktionen und ihren Anzeigenkunden entfernt sind – und das nicht nur räumlich. Das führte dann zu unserem Modell mit Mitgliedschaften statt Abonnements, mit Marketingpartnern statt Anzeigenkunden und zu Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Partnern.

Wer sind diese Partner?

Wir arbeiten mit Organisationen aus der Community zusammen, von denen wir wis- sen, dass sie schon seit Langem gute Arbeit leisten. Die zivilgesellschaftlichen Partner ha- ben, wie die Marketingpartner, aber keinen Einfluss darauf, wie wir redaktionell arbeiten. Die Zusammenarbeit kann zum Beispiel darin bestehen, dass wir für einen gewissen Zeit- raum zehn Prozent unserer Mitgliedsbeiträge an eine lokale gemeinnützige Organisation in der Gemeinde spenden, etwa die Santa Cruz Food Bank (die Food Banks in den USA sind vergleichbar mit den Tafeln in Deutschland, Anm. d. Red.). Außerdem bieten wir unseren Mitgliedern das ganze Jahr über Freikarten für Veranstaltungen, Rabatte in Restaurants und Ähnliches.

Welche Schwächen im lokalen Journalismus in Santa Cruz und Eugene Springfield haben Sie festgestellt, bevor Sie dort eingestiegen sind?

Es sind dieselben Entwicklungen wie überall in den USA. Die Konzentration im Zeitungsgeschäft sorgt dafür, dass Redaktionen ausgehöhlt werden. Die Medienhäuser haben ihre Büros vor Ort abgeschafft, ihre Präsenz in den Gemeinden auch sonst reduziert. In Eugene zum Beispiel gibt es The Register Guard, der bis 2018 in Familienbesitz war und von der Bevölkerung in der Region hoch geschätzt wurde. Zu der Zeit hatte die Zeitung 80 Reporter. 2024, nach mehreren Besitzerwechseln, waren es nur noch sechs.

Lookout Santa Cruz

Wie viele Redakteure hatten Sie, als Sie in Santa Cruz anfingen, und wie viele haben Sie jetzt?

Einer der wichtigsten Aspekte unseres Modells ist, dass wir das Ziel haben, für die Tageszeitungen in unseren Märkten Ersatz zu schaffen, und das machen wir auch. Deshalb wollten wir mit einer großen Belegschaft starten. Wir haben mit zehn Mitarbeitern in der Redaktion in Santa Cruz und 16 Mitarbeitern in Eugene angefangen und haben diese Mitarbeiterzahl gehalten. Santa Cruz County hat nur 250.000 Einwohner, die Region Eugene- Springfield 400.000. Wir haben damit eine große Anzahl von Lokalredakteuren pro Einwohner. Die Redaktion in Eugene ist die zweit- größte im Bundesstaat Oregon mit seinen fünf Millionen Einwohnern.

Sie sind also bei beiden Lookout-Ausgaben mit großen Teams an den Start gegangen. Glauben Sie, dass andere nicht groß genug denken?

Die Entwicklungen in Europa habe ich in den vergangenen fünf Jahren nicht verfolgt. Aber in den Vereinigten Staaten ist das definitiv der Fall. Für 85 bis 90 Prozent der Initiativen, die hier gestartet wurden, trifft das zu. Und ich denke, dass das ein großer Teil des Problems ist. Wir sind keine Blogger, wir sind eine Zeitung, die zufällig digital ist. Das ist vom Selbst- Verständnis her ein wesentlicher Unterschied zu den meisten lokaljournalistischen Start-ups, von denen viele gute Arbeit machen.

Wenn man so etwas Ambitioniertes vorhat, benötigt man viel Geld. Woher kam das bei Ihnen?

Sowohl in Santa Cruz als auch in Eugene aus philanthropischen Quellen. Die Voraussetzungen dafür sind in den USA gerade sehr gut. Lookout hat vor 15 Monaten in Santa Cruz seine erste App eingeführt. Wie hat sich das Nutzerverhalten in Bezug auf Apps und Browser seit den Anfängen des Unternehmens verändert?

Ziemlich bemerkenswert ist, was wir in Eugene sehen: Wir haben dort bis zu 42 Prozent di-rekten Traffic – und das ist fast ausschließlich auf die App zurückzuführen. Diese Entwicklung ist auch bemerkenswert, wenn man sie mit anderen Zeitungen vergleicht. Der direkte Traffic bei Lookout Santa Cruz liegt bei etwa 25 Prozent mit leicht steigender Tendenz, dann kommt Google mit 35 bis 40 Prozent, Facebook usw. Das entspricht dem Branchendurchschnitt in den Vereinigten Staaten. Ein weiterer Vorteil: Nutzerinnen und Nutzer rufen Inhalte in der App fünf- bis zehnmal häufiger auf als über den Browser. Dass die Leute die App haben und direkt zu uns kommen, wäre in jeder Situation wichtig. Aber gerade jetzt ist es besonders wichtig, da ein erheblicher Teil der Menschen bei Google gar nicht mehr die Quellen anklickt, sondern sich mit den KI-Zusammenfassungen zufriedengibt.

Wie viele Downloads haben Sie?

Wir haben fast 5000 App-Downloads in Eugene. Und wir werden versuchen, diese Zahl im Laufe von 2026 auf 10.000 zu steigern. Ein wichtiger Teil unserer Strategie besteht also darin, die persönlichen Beziehungen zu den Lesern zu stärken – nicht nur über die App, sondern auch über die kostenlosen Newsletter und bald auch über einen Chat, in dem Fra- gen beantwortet werden. Mein Ziel ist es, den direkten Traffic weiter zu erhöhen. Ich möchte den Anteil der Nutzung über Browser in den nächsten 18 Monaten radikal reduzieren.

Beim Blick auf das Lookout-Team ist mir eine ungewöhnliche Stelle aufgefallen: Eine Kollegin ist als Director of Student and Community Engagement tätig. Was genau macht sie in dieser Rolle?

Ein wichtiger Teil betrifft die Organisation von großen Veranstaltungen in der Community. Wir veranstalten Wahlforen, bei denen wir Kandidaten interviewen. Wir veranstalten außerdem jedes Jahr zu unserem Geburtstag eine Mitgliederparty. Und als wir 2024 den Pulitzer-Preis gewonnen haben, haben wir alle Mitglieder zu einer Feier eingeladen. Der andere wichtige Teil betrifft die Zusammenarbeit mit Schulen. Wir glauben, dass die nächste Generation an lokale Nachrichten herangeführt werden muss. Mehr als die Hälfte der Highschool-Schüler im Santa Cruz County nimmt an einem entsprechenden Programm teil. Das ist sehr erfolgreich. Gerade startet ein Programm dieser Art auch in Eugene. Die Koordinatorin ist also eine nach außen gerichtete Person, die viele Beziehungen in der Gemein- de pflegt, in örtlichen Ausschüssen mitarbeitet und Beziehungen im Zusammenhang mit Veranstaltungen und unseren Projekten in den Schulen knüpft.

Interview: Rene Martens


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Das Interview erschien zuerst in der Ausgabe 3/2026 der drehscheibe.

Ken Doctor

ist Medienberater und Gründer von Lookout Santa Cruz.
E-Mail: kdoctor@gmail.com

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