Themenwoche

„Die Wiedervereinigung war ein Erdbeben“

von Katharina Dodel

Journalist Paul Hildebrandt will das Lokale besser kennenlernen. Dafür zieht er von Ort zu Ort. (Foto: Sammlung Hildebrandt)
Journalist Paul Hildebrandt will das Lokale besser kennenlernen. Dafür zieht er von Ort zu Ort. (Foto: Sammlung Hildebrandt)

Paul Hildebrandt befindet sich gerade auf journalistischer Walz. Er zieht von Ort zu Ort, um in Lokalredaktionen seine journalistischen Dienste anzubieten. Er möchte einerseits die Lokalzeitungen im Osten besser kennenlernen, andererseits will er herausfinden, warum es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch immer Unterschiede zwischen Ost und West gibt. Wir haben mit ihm über sein Projekt „Ostwalz“ gesprochen.

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Herr Hildebrandt, Sie nennen Ihr Projekt „Ostwalz – Journalisten-Wanderschaft durch Ostdeutschland“. Sie laufen also Ort zu Ort?

Teilweise. Ich verzichte auf öffentliche Verkehrsmittel, bin die meiste Zeit per Anhalter unterwegs und wandere dann, wenn ich nicht weiter komme oder Lust habe, durch Dörfer zu laufen. Wie weit ich auf diese Weise komme ist ganz unterschiedlich. Heute waren es 15 Kilometer, manchmal sind’s gar keine, manchmal zehn. Wenn ich per Anhalter fahre, können es aber auch schon mal hundert Kilometer werden.

Wer oder was brachte Sie auf die Idee, durch Ostdeutschland zu wandern?

Mein Großonkel, der Tischler war. Er ist selbst drei Jahre und einen Tag auf der Walz gewesen und hat mir davon erzählt. Ich habe ihm gesagt, dass ich das auch gerne einmal machen will – aber leider bin ich ja Journalist und kein Handwerker. Er sagte dann: Macht doch nix, mach’s doch einfach trotzdem. Ich habe im Dezember meine zweijährige Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin beendet. Während der Ausbildung habe ich mich verstärkt mit dem Thema Ost- und Westdeutschland beschäftigt. Im Juli bin ich dann einfach losgelaufen, mit der Entscheidung: Ich konzentriere mich auf Ostdeutschland.

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Und wie kamen Sie in Berlin auf die Idee, raus aufs Land zu gehen in die kleinen Dörfer?

Ich hatte den Eindruck, dass sich in der Ausbildung vieles um die großen Häuser dreht, weniger ums Lokale. Ich hatte das Bedürfnis rauszufahren, mit den Leuten zu reden und zu erfahren: Was passiert eigentlich in Deutschland gerade? Was sind die Probleme, die Sorgen, die Ängste? Mit den Leuten in Kontakt zu kommen, macht den Hauptteil meiner Reise aus.

Machen Sie das in Eigenregie?

Ja, ich bin insgesamt sieben Wochen und einen Tag unterwegs – in Anlehnung an die Handwerker. Auf meiner Wanderung durch die Orte treffe ich häufig Leute, die mir ihre Geschichte erzählen. Die schreibe ich dann auf – wenn ich sie spannende finde – und veröffentliche sie auf meinem Blog. Zwischendurch klopfe ich bei Lokalredaktionen an und biete meine Dienste an. Dann bleibe ich ein paar Tage und arbeite mit, bekomme ein bisschen Geld für die veröffentlichten Texte und einen Schlafplatz.

Auch die Kollegen im Lokalen haben sicher spannende Geschichten zu erzählen...

Ja. Mit ihnen rede ich viel über Lokaljournalismus. Ich habe sozusagen viele verschiedene Ebenen auf dieser Walz: Ich will etwas übers Land erfahren, über Ostdeutschland, und ich will erfahren, wie Lokaljournalismus funktioniert und was dabei die Probleme sind.


Sie haben Jürgen Mladek, den Chefredakteur des Nordkuriers, gefragt, wie die Menschen in seiner Region häufig gesehen werden. Er sagte: rückständig, als Verlierer, Jammerossis. Was ist Ihr Eindruck?

Im Interview ging es darum, wie westdeutsch die Berichterstattung ist. Er sagte, dass in überregionalen Medien Klischees und Vorurteile aufgewärmt werden. Immer wieder kommen Stereotype vor. Ich stimme der These insofern zu, dass Vorurteile manchmal mitschwingen. Aber vom Klischee des Verlierers würde ich keineswegs sprechen. Denn es gibt sie, die Verlierer – das ist ein Ergebnis meiner Walz.

Wie meinen Sie das?

Nach der Wende haben viele Menschen verloren: Betriebe wurden geschlossen, Berufe wurden nicht anerkannt, westdeutsche Unternehmen haben Firmen aufgekauft, um sie dann zu verscherbeln. Da sind eine Menge Leute hinten runter gefallen. Das hat sich mittlerweile stabilisiert. Aber es gibt wirtschaftlich einen großen Unterschied, die Löhne und Renten sind niedriger, die Wege der Partizipation sind schwieriger. Beispielsweise sind ostdeutsche Journalistinnen und Journalisten in überregionalen Medien unterrepräsentiert, in den Verwaltungen an Unis ist das ähnlich. Natürlich stimmen die angesprochenen Klischees nicht immer – aber sie sagen etwas darüber aus, in welchem Zustand sich die Wiedervereinigung befindet. Nämlich in einem nicht besonders guten, wie ich finde.

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Dem gehen Sie seit dem 1. Juli nach. Wie viele Stationen haben Sie seither besucht? Wie viele folgen noch?

Ich war zum Beispiel in Rostock bei einer Straßenzeitung, ich war in Neubrandenburg beim Nordkurier, in Zwickau bei der Freien Presse, und ich habe mir in Jena und Weimar die Campuszeitungen angeschaut. Wie viele noch folgen? Kann ich gar nicht sagen. Vielleicht eine oder zwei. Mal sehen.

Was ist bisher Ihre wichtigste Erkenntnis?

Welchen großen Umbruch die Wende bedeutet hat. Wahrscheinlich ist das für Menschen, die in Ostdeutschland leben, nichts besonderes, aber für mich als „Wessi“ ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse. Die Wiedervereinigung war ein Erdbeben – in der Biografie von Menschen. Das hat viel durcheinandergewirbelt und kaputt gemacht. Das Thema bewegt heute noch viele Leute. Das, was in der Zeit passiert ist, hat die Leute geprägt. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis, weil ich merke: West- und Ostdeutschland, das ist ein sehr wichtiges Thema. Darüber müssen wir reden. Das heißt nicht Ost-Romantik und DDR-Romantik, sondern viel mehr Aufarbeitung. Auch der Zeit in den 90er-Jahren. Das wird was auf uns zukommen – auch in Bezug auf die kommenden Landtagswahlen und die Afd-Erfolge. Es ist ein schrilles Alarmsignal dafür, dass vieles nie gerade gebogen wurde.

Sie betrachten das Ganze aus der Nähe. Warum setzen Sie sich so für den Lokaljournalismus ein?

Ich finde Lokaljournalismus unglaublich wichtig. Ich habe das Gefühl, dass es dem Lokaljournalismus nicht besonders gut geht. Wir reden von einer Medienkrise – im Lokalen ist es schwierig, da eine Lösung zu finden. Da spart man Stellen ein und macht Redaktionen kleiner, wobei doch Mut und Innovationen nötig wären, um neue Leser zu gewinnen. Ich glaube, es fehlt  manchmal am Willen zur Veränderung.

Was sagten Ihnen die Kollegen?

Was ich erfahren habe war, dass Lokaljournalismus eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft hat: im Kleinen genau hinzuschauen, vielleicht auch einen Diskurs zu begleiten, der sich immer weiter in die sozialen Netzwerke verlagert, dort aber gar nicht moderiert wird. Dafür brauchen wir den Lokaljournalismus. Da ist viel Arbeit notwendig, wenn wir in Zukunft den Journalismus wieder gesellschaftsfähig machen wollen.

Nur noch ganz wenige Handwerker gehen auf die Walz, um neue Techniken zu lernen. Journalismus ist auch ein Handwerk, das Bild sieht dort ähnlich aus. Was müsste sich ändern, dass wieder mehr junge Leute ein Volontariat beginnen?

In Weimar habe ich mich mit vielen jungen Leuten unterhalten, die sich in der Unizeitung engagieren. Viele von ihnen sagen, sie wollen keine Journalisten werden. Sie meinten, es sei sehr schwierig, irgendwo rein zu kommen, sie haben von strengen Hierarchien gesprochen, vom Mangel an Innovationsbereitschaft in manchen Häusern. Man ist lange davon ausgegangen, dass die jungen Leute einfach kommen – so funktioniert das aber nicht. Man muss werben, an Unis gehen oder in andere Bereiche der Gesellschaft. Es wäre auch schön, wenn es nicht nur Akademiker im Journalismus gäbe. Ich glaube, Medien müssten sich gemeinsam dafür einsetzen, bereits Schüler für Journalismus zu begeistern, Kurse geben, sie mal eine Woche in die Redaktionen holen. Es ist kein Selbstläufer. Man muss den Beruf attraktiv machen. Man muss das Gefühl schaffen: Hey, wir können da was bewegen.

Und wie geht es bei Ihnen weiter, wenn die Walz beendet ist?

Ich muss erst einmal ganz viel Stoff aufarbeiten. Mal sehen, was ich damit mache. Für meine Arbeit als Journalist heißt das, dass ich nicht großen Debatten hinterherlaufen muss, sondern dass ich schauen will, was eigentlich unter dem Radar der großen Medien passiert, auf dem Land, in den kleiner Städten. Das würde ich gerne weiterverfolgen, weil es spannend ist, die kleinen Geschichten zu erzählen, die etwas über das große politische System und unsere Gesellschaft aussagen.

Interview: Katharina Dodel

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Paul Hildebrandt

kommt aus der Lüneburger Heide und lebt jetzt in Berlin. In Göttingen und Be‘er Sheva (Israel) hat er Politikwissenschaft und Ethnologie studiert. An der Evangelischen Journalistenschule absolvierte der 29-Jährige seine Ausbildung mit Praxisstationen bei der FAZ, NDR Info, ZeitWissen-Magazin und ZEIT Investigativ.

E-Mail: hildebrandtpaulj@gmail.com

Internet: Ostwalz.de

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