Interview

„Pöbler werden ignoriert"

von Stefan Wirner

Sebastian Horn ist Redakteur von Zeit online. Er betreut die Community und die Aktivitäten der Redaktion in den sozialen Netzwerken. Gemeinsam mit Max Neufeind von der ETH Zürich hat er eine der Debatten auf Zeit online wissenschaftlich ausgewertet. Am Rande der Internetkonferenz Re:publica, die vom 2. bis 4. Mai in Berlin stattfand, sprach die drehscheibe mit ihm über seine Beobachtungen.

Herr Horn, Sie haben untersucht, wie sich Nutzer auf Zeit online in ihrem Kommentarverhalten unterscheiden. Auf welche Nutzertypen sind Sie gestoßen?

Wir haben eine Debatte mit über 1.400 Kommentaren ausgewertet. Das war die bis dahin längste auf Zeit online und hat sich daher besonders für die Analyse angeboten. Es ging um das Thema Grundeinkommen. Wir haben – basierend auf statistischen Methoden – untersucht, inwiefern sich Nutzer in ihrem Kommentarverhalten ähneln oder unterscheiden.

Dabei haben wir erstens den klassischen Troll gefunden – also den Typen, der mit destruktivem und teilweise beleidigendem Verhalten versucht, die Diskussion zu stören. Wir haben aber festgestellt, dass es nur ein Nutzertyp von vieren ist. In der Debatte, die wir untersucht haben, hat er auch nur rund elf Prozent der Kommentare geschrieben.

Zweitens gibt es den vorbildlichen Musterschüler. Das ist ein Usertyp, der zwar wenige Kommentare schreibt. Seine Kommentare sind jedoch sehr lang, gut ausformuliert und klingen freundlich. Er schafft es außerdem, auf viele Aspekte des Themas einzugehen.

Den dritten Typen nennen wir den Bemühten oder auch den Fleißigen: ein User, der extrem viele Kommentare verfasst. Sie haben eine mittlere Länge, sind durchschnittlich überzeugend und durchschnittlich freundlich. Nur 14 Prozent der Nutzer sind in unserer Auswertung in diese Kategorie gefallen. Sie haben aber den Großteil der Kommentare verfasst.

Der letzte Typ ist der Besserwisser. Jemand, der sehr scharf formuliert, sich häufig direkt an die Autoren des Artikels und gegen deren Standpunkt richtet. Er unterscheidet sich vom Pöbler vor allem dadurch, dass er Argumente vorbringt und dass er inhaltlich etwas zu sagen hat. Dafür erhält er viel Aufmerksamkeit von anderen Nutzern, die auf seine Kommentare antworten oder sie mit einer Leserempfehlung versehen.

Ist es der Besserwisser, der die Debatte am ehesten vorantreibt?

Grundsätzlich lässt sich sagen: Kommentare, die ein hohes Argumentationsniveau vorweisen und viele Aspekte des Themas beinhalten, lösen die meisten Reaktion aus. Das ist eine sehr erfreuliche Erkenntnis. Kommentare von Pöblern werden meist ignoriert. Je schwächer ein Kommentar argumentativ ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand darauf antwortet.

Kann es passieren, dass der Troll eine Debatte sprengt?

Das ist möglich. Die Aufgabe der Redaktion besteht darin, sich um solche User zu kümmern und sicherzustellen, dass das nicht passiert. Wir haben ein sehr strenges Moderationsteam, das die Kommentare liest und notfalls löscht, sollten sie gegen unsere Diskussionsregeln verstoßen.

Löschen Sie die Kommentare mit dem Hinweis, dass sie gelöscht wurden?

Wir ersetzen jeden gelöschten Kommentar durch eine Anmerkung der Redaktion, in der wir knapp den Grund für die Löschung angeben. So bekommt es der Nutzer mit, der den Kommentar geschrieben hat. Aber auch die anderen Diskussionsteilnehmer merken, dass die Redaktion da ist und ein waches Auge auf die Debatte wirft.

Was sind Ihre Kriterien für eine Löschung?

Wir haben die genauen Kriterien in unserer Netiquette zusammengefasst. Man darf unter anderem niemanden beleidigen oder diskriminieren, keine Verleumdungen verbreiten oder nicht prüfbare Unterstellungen und Verdächtigungen anstellen. In unserer Netiquette steht auch, was für uns einen guten Kommentar ausmacht und wie das Moderationsteam bei Regelverstößen vorgeht.

In der Ankündigung Ihres Vortrags auf der Re:publica stand auch etwas von der Möglichkeit, Filter einzubauen, die solche Online-Debatten automatisch steuern. Wie könnte so etwas aussehen?

Denkbar wäre, dass die Analysen, die wir händisch ausgeführt haben, von Algorithmen übernommen werden. Das könnte bedeuten, dass ein Programm die Kommentare versteht und zum Beispiel die Meldung auswirft: Dieser Kommentar muss gelöscht werden. Nach meinem Wissensstand ist die Technik jedoch noch nicht so weit. Man kann zwar mittlerweile die Grundstimmung von Kommentaren und Tweets ansatzweise feststellen lassen, aber von sinnvollen automatisierten Moderationshilfen sind wir noch weit entfernt. Um dahinzukommen, sind solche Analysen, wie wir sie jetzt vorgenommen haben, jedoch der Grundstein.

Wie viele Kollegen betreuen eine Debatte auf Zeit online?

Das schwankt je nach Aufkommen. Es gibt Zeiten, da posten User mehrere hundert Kommentare in der Stunde. In diesen Fällen kümmern sich mehrere Mitarbeiter darum. Meistens sind es ein bis drei Mitarbeiter, die sich gleichzeitig mit den Kommentaren befassen.

Die Kommentare erscheinen bei Zeit online automatisch?

Ja, sie erscheinen sofort, wenn die User sie abgeben. Wir wenden eine Nachmoderation an, das heißt, wie prüfen die Kommentare zeitnah nach dem Erscheinen. Die große Mehrheit unserer Nutzer schafft es, einen regelkonformen Kommentar zu schreiben, und denen wollen wir den Spaß an einer lebendigen Debatte nicht verderben, indem wir Kommentare vor der Veröffentlichung erst zurückhalten.

Haben Sie bei Ihren Analysen eine Gesetzmäßigkeit entdecken können, welche Debatten gut gehen? Lässt sich der Erfolg einer Debatte vorhersagen?

Es gibt gewisse Themen, die bei uns immer viel diskutiert werden. Dazu gehören sicherlich die Themen Integration, der Nahostkonflikt, Vegetarismus oder Gleichberechtigung. Auch Politiker wie Sarrazin, Guttenberg oder Wulff haben sehr heftige Diskussionen ausgelöst. Wie die Debatten im einzelnen verlaufen, lässt sich schwer vorhersagen. Das hängt unter anderem von der Zusammensetzung der Nutzer ab, die sich beteiligen, und von der Richtung, die die Diskussion inhaltlich einschlägt.

Was halten Sie von Klarnamen?

Ich halte sie nicht für notwendig, um online konstruktiv und sachlich zu diskutieren. Unsere tägliche Erfahrung bei Zeit online und die detaillierte Auswertung, die wir auf der Re:publica präsentiert haben, bestätigen das. Gute Argumente und überzeugende Meinungen sollten im Mittelpunkt einer Debatte stehen, und nicht die Frage, wer sie verfasst hat. Klarnamen einzuführen, die auch tatsächlich von der Redaktion verifiziert sind, wäre außerdem äußerst aufwendig und vermutlich nicht praktikabel. Überdies haben wir auf unserer Facebook-Seite und auf Google + erlebt, dass User durchaus auch unter ihrem Klarnamen gegen unsere Regeln verstoßen. Klarnamen wären also keine Garantie dafür, dass die Qualität der Debatte automatisch steigt.

Sebastian Horn

... ist Redakteur von Zeit online.

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