Interview

Lokalsport ist Kopfsache

von Gabi Koenig

Der Sportpsychologe Oliver Stoll
Der Sportpsychologe Oliver Stoll

Sport, so sagen viele, sei zum großen Teil Kopfsache. Prof. Dr. Oliver Stoll, der an der Universität Halle-Wittenberg Sportpsychologie und -pädagogik lehrt, hat 2014 zusammen mit dem Journalisten Mathias Liebing die Plattform www.die-sportpsychologen.de gegründet. Im Blog finden Interessierte vielfältige Informationen und Kontakte zu den Experten. Immer häufiger fragen Medien an.

Herr Professor Stoll, was wissen Sportpsychologen, was Sportjournalisten interessieren könnte?

Wir wissen, wie Psyche funktioniert und wie sie unter Druck funktioniert. Wir können, wenn wir einige Parameter kennen, gut prognostizieren, was passieren kann.

Wann und wie arbeiten Sportpsychologen mit Sportlern?

Im Prinzip gibt es zwei Stränge. Zum einen das Training, wo es um Leistungsoptimierung und neue Bewegungsschemata geht. Das Erlernen einer neuen Technik ist dabei Aufgabe des Trainers, Sportpsychologen arbeiten mit der Vorstellungskraft der Athleten. Und für Wettkämpfe bieten sie mentales „Stress-Impfungstraining“ an: Wenn Plan A nicht funktioniert, gibt es noch Plan B und Plan C. So wie es die Triathletinnen Sian Welch und Wendy Ingraham gezeigt haben, denen beim Ironman 1997 kurz vor dem Ziel die Beine versagten. Als sie nicht mehr laufen konnten, gingen sie. Als sie nicht mehr gehen konnten, sind sie gekrochen – bis über die Ziellinie gekrochen.

Und der zweite Strang?

Ist das Coaching, die persönliche Betreuung einzelner Athleten. Sportpsychologen helfen, wenn es in der Zusammenarbeit mit den Betreuern hakt, wenn Sportler verletzt gewesen sind oder die Karriere zu Ende geht.

Journalisten wollen immer gern Beispiele nennen. Praktische Frage: Stehen Sportpsychologen wie Ärzte unter Schweigepflicht?

Stimmt, wir dürfen keine Namen nennen. Es sei denn, die Athleten erlauben das. Wie Falk Cierpinski, ein Marathonläufer und Triathlet, der ab Kilometer 30 immer starke Seitenschmerzen bekam. Körperliche Ursachen gab es keine dafür. Vielmehr ist er ein hoher Perfektionist, der durch die Zusammenarbeit mehr Gelassenheit entwickelt hat und nun toleriert, dass auch er mal versagt. Die Schmerzen sind vielleicht nicht ganz weg, aber viel schwächer.

Warum haben Sie die Plattform die-sportpsychologen.de gegründet?

Ursprünglich hatten wir an die Akquise gedacht, viele der beteiligten Sportpsychologen kommen aus meinem Studiengang in Halle. Alle, die genannt werden, sind qualitätsgesichert. Da ist kein „Guru“ dabei! Inzwischen haben wir immer häufiger Presse-Anfragen, etwa zum Jahrestag von Robert Enkes Suizid.

Zu welchen Themen finden Journalisten bei Ihnen und Ihren Kollegen etwas?

Es gibt eine ganz breite Palette. Angefangen bei Doping über die Kabinenansprache und funktionales und dysfunktionales Training bis hin zu digitalem Stress. Mein eigenes Steckenpferd ist der Ausdauersport: Wie ticken die, die 24 Stunden laufen? Aktuell arbeite ich zu Perfektionismus im Nachwuchssport.

Früher war die Zusammenarbeit mit Psychologen für Sportler ein Tabu. Gilt das auch heute noch?

Leider wird das immer noch mit Schwäche assoziiert, statt zu sagen: Diese Sportler suchen sich Unterstützung. Es hat sich vieles in den vergangenen 15 Jahren verändert, aber wir sind noch nicht da, wo wir sein müssten.

Stichwort Robert Enke. Was hätten Sportpsychologen getan?

Wenn ich eine Depression erkenne bei einem Athleten, muss ich als Sportpsychologe an einen Psychotherapeuten oder Psychiater weiterleiten. Nur die können so schwere Erkrankungen behandeln.

Wie finden Sportjournalisten, die sich für dieses und andere Themen interessieren, einen Sportpsychologen in ihrer Nähe?

Auf unserer Seite, aber auch über das Kontaktportal des Bundesinstituts für Sportwissenschaften (BISp). Die Expertinnen und Experten haben alle studiert und sich speziell für Sport weitergebildet.

Sie sagen in einem Video, das die Plattform vorstellt, „Wow, sowas geht? Und wow, sowas geht!“ Waren Sie nicht überzeugt?

Ich erinnere mich, das war beim Barcamp! Wir veranstalten zwei Barcamps im Jahr mit der Idee, Praktiker und Sport-psychologen zusammenzubringen. Die Athleten, die Trainer und wir wollen ja dasselbe. Wir lassen uns dabei gegenseitig in die Karten gucken. Wir sind skeptisch, wenn manche sagen: „Ich bin Trainer und mental kann ich auch.“ Denn wir Sportpsychologen haben zwar einen kleinen Koffer mit Werkzeugen – aber die muss man nicht nur kennen, sondern auf jeden Athleten speziell anpassen.

Interview: Gabi Koenig

Prof. Dr. Oliver Stoll

ist Leiter des Arbeitsbereiches 3 – Sportpsychologie, Sportpädagogik, Sportsoziologie – am Institut für Sportwissenschaft der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Stoll coacht zudem einzelne Athleten individuell, hat das deutsche Olympiateam im Wasserspringen 2008 in Peking mental betreut. Im Herbst 2019 war er Referent beim Seminar „Menschen, Tore, Emotionen“ der bpb. Kontakt:
E-Mail: oliver.stoll@sport.uni-halle.de

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