Interview

„Verlierer sind die Migranten“

von Stefan Wirner

Hierfür wird sie zum Teil heftig kritisiert: Die Soziologin Necla Kelek benennt offen und schonungslose Defizite in der Integration von muslimischen Einwanderern. Insbesondere kritisiert sie die Rolle der Frauen in den islamischen Communitys. Für unsere aktuelle Islam-Ausgabe (7/17) sprachen wir mit ihr über Fragen, die nicht gestellt werden, und einen nachteiligen Konsens.

Frau Kelek, finden Sie, dass in der Berichterstattung hierzulande alle Aspekte ausreichend behandelt werden?

Nein. Es wird zwar genug berichtet, jeden Tag kann man Artikel lesen, die irgendwie mit dem Islam zu tun haben, aber es werden nicht die richtigen Fragen gestellt.

Welche Fragen fehlen Ihnen denn?

Zum Beispiel, wie sich der Islam als Religion hier in Deutschland gibt, was die organisierten Muslime unter dem Islam verstehen, welche Werte in den Verbänden und Vereinen vermittelt werden und ob diese Werte unsere Gesellschaft spalten, wie sie es mit dem Recht auf Religionsfreiheit halten – all diese kritischen Fragen werden leider nicht gestellt.

Warum werden diese Themen ausgeblendet? Gibt es Tabus?

Tabus möchte ich nicht sagen, aber wir haben in den Medien und insbesondere in der Wissenschaft eine Scheu vor kritischer Analyse, was die Migranten betrifft, die hier leben, vor allem wenn es um ihre Wertevorstellungen geht. Das schlägt sich auch in der Ausbildung von Medienschaffenden nieder. Die Soziologie und die Sozialwissenschaften etwa gehen von einer bestimmten Haltung aus: Wir nehmen die Menschen, die hierherkommen, so, wie sie sind, und heißen sie willkommen und mischen uns nicht ein. Das ist ein Konsens in unserer Gesellschaft, das gibt die Richtung vor. Es herrscht die Ansicht vor, dass Deutschland aus seiner Geschichte gelernt hat, woraus folgt, dass wir uns heute nicht einmischen bei kulturellen Fragen und bestimmte Themen nicht so kritisch behandeln, dass bestimmte Menschen sich beeinträchtigt fühlen und ihre Werte nicht frei leben können.

Kritik an islamischen Gemeinden wird oft auch als rassistisch eingestuft. Wo hört berechtigte Kritik auf, wo fängt Rassismus an?

Wenn gerufen wird, Muslime gehörten nicht in unsere Gesellschaft, der Islam gehöre nicht zu diesem Land, dann sind das Parolen, die man zurückweisen muss. Wenn ich allerdings untersuche, wie zum Beispiel junge Menschen in abgeschlossenen islamischen Gemeinden, die wir ja mancherorts in unseren Städten vorfinden, zurechtkommen, welche Werte sie vermittelt bekommen und ob sie damit in unserer offenen Gesellschaft in Konflikt geraten, dann finde ich das nicht rassistisch. Aus so einer Analyse folgen Ergebnisse, und aus diesen muss man die richtigen Schlüsse ziehen, wenn man Probleme beheben will.

Welche Folgen hat es, wenn man bestimmte Fragen ausspart?

Die Verlierer sind die Migranten selbst. Die Deutschen, die dem genannten Konsens folgen, glauben ja, etwas Gutes zu tun. Sie fühlen sich moralisch auf der richtigen Seite, die Migranten aber sind die Verlierer, weil sie mit ihrer mitgebrachten Wertekultur Probleme haben, die Welt, in die sie geboren sind, zu verstehen. Sie wissen nicht, in welcher Kultur sie mittlerweile leben, und kommen in Deutschland nicht zurecht. Sie müssten diese Kultur ja aus der Geschichte heraus begreifen und kennenlernen, um ein Teil davon zu werden. Aber wie sollen sie ein Teil davon werden, wenn die Gesellschaft sagt: Das müsst ihr gar nicht, bleibt mal in eurer islamischen Kultur. So halten wir sie ja draußen. Und dann fangen die Probleme an, weil diese jungen Menschen täglich diese Widersprüche erleben.

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Sie kritisieren auch die Rolle, die der Frau im Islam zugeschrieben wird. Warum wird das in der Berichterstattung nur am Rande aufgegriffen?

Das ist ein bedauernswerter Zustand, dass dieses Thema nicht richtig ernst genommen wird. Im Islam spielt das Familienrecht eine sehr große Rolle, die Frau soll Untertan des Mannes sein, sie hat keine alleinige Daseinsberechtigung als Bürgerin, womit verbunden ist, dass sie sich nicht unbeaufsichtigt von Männern in der Öffentlichkeit bewegen kann, sie kann nicht alleine umziehen in eine andere Stadt, um eine Ausbildung zu machen, sie soll ihre Haare nicht zeigen, nicht schwimmen gehen etc. Die Islamwissenschaften hätten genau die Aufgabe, uns darüber aufzuklären, was an diesem Familienrecht geändert werden muss. Das tun sie aber nicht.

Was könnten Lokaljournalisten dazu beitragen?

Sie sollten sich unbedingt einmischen und darüber berichten, was in den Vereinen in den Kleinstädten geschieht. Sie sollten in die Moscheen gehen, den Imamen kritische Fragen stellen und über die Situation der Frauen berichten, und zwar täglich. Ich bin selbst in einer kleinen Stadt aufgewachsen, und niemand hat sich darum gekümmert, wie sich bestimmte Gruppen von Moslems in ihre Community zurückgezogen haben, wie sie die Bräute aus der Türkei gekauft und nach Hause geholt haben. Ein Mann sagte mir, seine Schwiegertochter sei vor 20 Jahren aus der Türkei geholt worden, sie sei noch nie auf die Straße gegangen, weil alles für sie erledigt werde, sie müsse nie das Haus verlassen. Solche Zustände gibt es, und darauf muss man ein Augenmerk richten, wenn man diesen Frauen helfen will, ein Teil unserer Gesellschaft zu werden. Aber das wird leider nicht getan.

Haben sich diese Probleme durch die Zuwanderung, die wir in den vergangenen Monaten erlebt haben, verschärft?

Ich denke, ja, weil wieder relativ geschlossene Gruppen aus islamischen Ländern hierhergekommen sind. Auch da haben die Frauen oftmals nur nach dem Diktat des Mannes zu leben. Viele türkische Zuwanderer kamen oder kommen ja aus eher säkularen Verhältnissen. Nun erleben wir noch viel strengere islamische Communitys, wo die Frauen in den Wohnungen verschwinden, und niemand kümmert sich um sie.

Was müsste sich an der Berichterstattung über das Thema Islam hierzulande verändern?

Es geht darum, die Menschen dabei zu unterstützen, dass sie in der Freiheit ankommen. Wenn wir die Strukturen nicht immer wieder aufzeigen, verlieren wir viele in Parallelgesellschaften. Die Menschen sollten in der Lage sein, Freiheit als ihre Identität zu definieren und ihren eigenen Weg zu gehen.

Necla Kelek (Foto: Cyril Schirmbeck)

Kontakt

Necla Kelek ist in Istanbul geboren, als Kind kam sie nach Deutschland. Sie ist Soziologin und Publizistin. Von 2005 bis 2009 war sie Mitglied der von der Bundesregierung einberufenen jährlichen Deutschen Islam Konferenz.
Foto: Cyril Schirmbeck

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Hurryia heißt Freiheit

Necla Kelek: Hurriya heißt Freiheit. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 240 Seien, 18,99 Euro. ISBN 978-3-462-04484-3

Foto-Nachweis (Emoticons): Aphelandra Messer, Twitter, Unicode, Emojirequest

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