Interview

„Viele berichten von sexistischen Beleidigungen“

von Stefan Wirner

In vielen Rathäusern Nordrhein-Westfalens sind Frauen unterrepräsentiert. (Foto: AdobeStock/ Gina Sanders)
In vielen Rathäusern Nordrhein-Westfalens sind Frauen unterrepräsentiert. (Foto: AdobeStock/ Gina Sanders)

Das Recherchenetzwerk Correctiv untersucht derzeit in einem datenjournalistischen Projekt die Repräsentation von Frauen in der Kommunalpolitik Nordrhein-Westfalens. Die Ergebnisse können Lokaljournalisten insbesondere vor der Kommunalwahl im September nützlich sein. Engagement Reporterin Bianca Hoffmann erklärt, inwiefern.

Frau Hoffmann, wie kam es zu diesem Thema?

Wir arbeiten bei Correctiv häufig mit Datenrecherchen. Ursprünglich wollten wir in diesem Fall untersuchen, ob die Kommunalpolitik in ihrer Zusammensetzung eigentlich die gesellschaftlichen Verhältnisse abbildet, etwa beim Verhältnis Männer und Frauen, oder was die berufliche Ausbildung von Kommunalpolitikern betrifft, den Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund etc. Damit sind wir aber nicht recht weitergekommen, denn der Migrationshintergrund lässt sich beispielsweise schlecht über eine Datenrecherche abbilden. Schließlich habe ich mich daran erinnert, dass ich in meiner Tätigkeit als Lokaljournalistin häufig Stadtratssitzungen besucht habe und dass mir dabei immer wieder aufgefallen ist, wie wenige Frauen da drin sitzen. Also habe ich das Thema in der Runde vorgeschlagen, und es wurde angenommen.

Wie gehen Sie bei der Recherche vor?

Wir haben zunächst Vorgespräche mit Kommunalpolitikerinnen aus Nordrhein-Westfalen geführt, manche kannten wir schon, andere haben wir einfach angeschrieben. Diese Gespräche lieferten uns erste thematische Ansatzpunkte, es ging zum Beispiel häufig um die Vereinbarkeit einer kommunalpolitischen Tätigkeit mit Familie und Privatleben. Viele Kommunalpolitikerinnen beklagten außerdem, dass Frauen in Gesprächen oft übergangen würden, dass sie doppelt so hart arbeiten müssten und dass es immer wieder zu sexistischen Beleidigungen komme. Darüber haben wir dann auch mit Wissenschaftlerinnen gesprochen, und das Bild hat sich verfestigt.

Per Klick aufs Bild geht es zur Umfrage von Correctiv.
Per Klick aufs Bild geht es zur Umfrage von Correctiv.

Was waren die nächsten Schritte?

Wir gehen zweigleisig vor. Zum einen gibt es die datenbetriebe Recherche. Wir untersuchen den Frauenanteil in den Kommunalparlamenten, in Kreisen und Städten etc. Diese Daten erhalten wir vom Land Nordrhein-Westfalen. Vor der Wahl werden wir uns dann ansehen, wie die Wahllisten besetzt sind. Die Grünen machen das zum Beispiel paritätisch, bei der CDU gibt es ein Quorum, da sollten 30 Prozent der Listenplätze an Frauen vergeben werden etc. Nach der Wahl wollen wir uns dann ansehen, was dabei herausgekommen ist und wie viele Frauen tatsächlich in die lokalen Parlamente einziehen.

Und auf der anderen Seite?

Wir haben bei Correctiv ein Tool, das nennt sich CrowdNewsroom, eine Plattform, auf der Leserinnen und Leser ihre Daten spenden, um bei der Recherche behilflich zu sein. Hier machen wir seit Anfang Juli eine Umfrage unter Personen, die ein kommunalpolitisches Amt oder Mandat in Nordrhein-Westfalen innehaben oder innehatten. Hier geht es um eine qualitative Erhebung. Rund sechs von zehn Frauen berichten von Sexismus in der eigenen Partei, etwa ein Viertel gibt an, überlegt zu haben, aufgrund ihrer Erfahrungen als Frau in der Politik das Amt niederzulegen. Und wir haben bereits sehr starke Erfahrungsberichte zum Thema Sexismus erhalten. Diese Umfrage läuft noch bis zum 3. August, dann wird sie ausgewertet.

Wie können Lokaljournalistinnen und -journalisten in Nordrhein-Westfalen Ihre Ergebnisse nutzen?

Wer Interesse anmeldet und sich für unsere Recherche interessiert, bekommt von uns die Daten zur Verfügung gestellt. So gibt es etwa eine Webseite, auf der man beispielsweise den Namen einer x-beliebigen Stadt eingeben kann. Man kann dann sehen, wie viele Frauen prozentual im dortigen Stadtrat sitzen. Von da aus kann man in einer eigenen Recherche weitergehen und verschiedene Fragen untersuchen: Warum sind es so wenige, warum sind es hier mehr als in der Nachbargemeinde etc. Diese Website wird schon vor der Wahl veröffentlicht, ein noch umfassenderes Ergebnis liefert sie danach.

Wie viele Kolleginnen und Kollegen sind mit dieser Recherche befasst?

Wir sind fünf, sechs Leute, die hauptsächlich daran arbeiten. Wir wollen den Lokaljournalismus aktiv unterstützen. Wichtig ist: Wir suchen immer Leute, die im Netzwerk Correctiv.Lokal mitmachen und unser Angebot nutzen. Über ein Formular kann man sich hier leicht anmelden. Wir bieten Lokaljournalisten Hilfe bei allen auftauchenden Fragen an, etwa auch wenn es um investigative Recherchen geht, da hilft ja oft ein unabhängiger Blick von dritter Seite. Wir haben auch einen Slack-Kanal eingerichtet, um die Kommunikation untereinander zu erleichtern. Man muss nur noch mitmachen.

Interview: Stefan Wirner

Hinweis: Sobald die erwähnte Correctiv-Website online ist, wird die drehscheibe darüber informieren.

 

Bianca Hoffmann

ist Engagement Reporterin bei Correctiv. E-Mail.: bianca.hoffmann@correctiv.org  

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