Die Rheinische Botschaft

„Wir werben dafür, die Debatte sachlich zu führen“

von Sascha Lübbe

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln haben die ohnehin hitzige Debatte um Flüchtlinge in Deutschland weiter angefacht. In einem offenen Statement, der sogenannten „Rheinischen Botschaft“, sprechen sich nun zwölf Prominente, darunter der Musiker Wolfgang Niedecken und die Moderatorin Bettina Böttinger, gegen sexuelle Gewalt und für behördliche Konsequenzen aus den Ereignissen aus. Initiator ist der Autor Navid Kermani. Der Brief erschien am vergangenen Freitag im Kölner-Stadt-Anzeiger, der Kölnischen Rundschau, dem Bonner General-Anzeiger, der Rheinischen Post und im Express. Im Interview erklärt Helge Matthiesen, Chefredakteur des General-Anzeigers, was die Redaktion zu dem Schritt bewogen hat und wie die Aktion aufgenommen wurde.

Ausschnitt der Rheinischen Botschaft
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Herr Matthiesen, was sind die Kernpunkte der „Rheinischen Botschaft“ und an wen richtet sie sich?

Sie richtet sich an alle Bewohner des Rheinlandes – und natürlich darüber hinaus, denn es geht um ein allgemeines politisches Thema: Wir werben dafür, die Debatte um die Flüchtlingszuwanderung, um die guten und die negativen Erfahrungen, sachlich zu führen. Wir wollen hier auch in Zukunft friedlich und tolerant miteinander leben. Dafür ist es nötig, die Probleme zu benennen und sie anzupacken. Im Kern geht es um die Forderungen, sexuelle Gewalt in keiner Form zu tolerieren, Bandenkriminalität zu bekämpfen, das behördliche Versagen aufzuklären und die fremdenfeindliche Hetze zu beenden. Das Rheinland hat eine lange Tradition des toleranten Miteinanders verschiedener Kulturen und Nationalitäten. Das ist nicht spannungsfrei, macht aber die Qualität der Region aus und ist Teil des Alltags. Hier knüpft die Botschaft an. Wir wollen die Debatte nicht den Feinden der freien Gesellschaft überlassen.

Wie kam es zu der Idee? Bestand der Kontakt zu Herrn Kermani bereits?

Die Idee ist unabhängig voneinander in Köln und in Düsseldorf entstanden. Der Kontakt zu Herrn Kermani bestand in beiden Redaktionen schon vorher.

Wie kam es zur Absprache zwischen den Zeitungen?

Wir pflegen hier im Rheinland unter den Chefredaktionen ein gutes kollegiales Miteinander. Bei mir hat sich zuerst Michael Bröcker von der Rheinischen Post gemeldet, der mit seinem Stellvertreter Stefan Weigel gesprochen hatte. Es gingen ein paar Mails hin und her. Am Ende hat eine Telefonkonferenz der Chefredakteure aus Köln, Düsseldorf und Bonn den Gedanken diskutiert und die Aktion festgelegt. Dann haben die Redaktionen wenige ausgewählte Unterstützer in ihren Regionen geworben. Die haben an dem Text mitgearbeitet. Hier haben die Kollegen vom Kölner Stadt-Anzeiger Peter Pauls und Joachim Frank viel getan. Unsere Herausgeber haben sich eingeschaltet und die Aktion zu der ihren gemacht. Das Material haben wir untereinander ausgetauscht und jeder Titel hat seine Form der Veröffentlichung gewählt.

Warum haben Sie sich jetzt, drei Wochen nach den Übergriffen, für die Aktion entschieden?

Weil wir glauben, dass hier eine ganz grundsätzliche Frage unserer Gesellschaft und unserer Demokratie berührt ist. Die Integration der Zuwanderer fängt gerade erst an und sie droht nach den Ereignissen der Silvesternacht und der nachfolgenden teilweise hysterischen Debatten gleich in eine extreme Richtung abzudriften. Das kann Journalisten nicht egal sein. Wir wollen dafür werben, sachlich an Probleme heranzugehen, respektvoll mit den Meinungen anderer umzugehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Wie waren die Reaktionen der Leser bisher?

Das ist eine Aktion zu einem umstrittenen Thema. Daher wird kontrovers diskutiert. Das auszulösen war auch unsere Absicht. Schaut man auf den Tenor der meisten Leserstimmen, dann sind es überwiegend positive Äußerungen. Die Aktion ist Thema auf Neujahrsempfängen und im Karneval. Die Kollegen in Köln haben zahlreiche weitere Unterstützer gewonnen. Die Leser scheinen uns verstanden zu haben.

Setzen Sie sich mit der Aktion – in den Augen einiger Kritiker – nicht auch dem Vorwurf der „Lügenpresse“ aus? Weil Sie Stellung beziehen?

Ich muss gestehen, dass ich die Frage nicht ganz verstehe. Wie kann das Werben für demokratische Tugenden eine einseitige Parteinahme oder gar die Beschönigung irgendwelcher Dinge sein? Wenn wir als demokratische Medien unsere zentrale Aufgabe nicht mehr wahrnehmen, nämlich die freie Debatte zu organisieren und faire Bedingungen für alle zu fordern und durchzusetzen, dann machen wir grundsätzlich etwas falsch.

Welche Rolle spielt die Lokalzeitung in der derzeitigen, aufgeheizten Diskussion über die Flüchtlingsfrage?

Sie ist unersetzbar und was sie tut ist sehr wichtig. Denn vor Ort entscheidet sich, wie die Menschen miteinander umgehen. Wir berichten über alle Themen rund um die Zuwanderung, die angenehmen und die unangenehmen. Unsere Aufgabe ist es, zu sagen, was ist – auch wenn es schwierig wird und mancher die eine oder andere Nachricht nicht gerne hört. Weil es in den Städten und Gemeinden immer um konkrete Fragen von belegten Turnhallen, Hilfsaktionen, Engagement für Sprachkurse aber auch um Gewalt und Langeweile in Flüchtlingsunterkünften oder Ärger im Schwimmbad geht, driften die Debatten selten ins Grundsätzliche oder Extreme ab. Die Menschen kennen sich in ihrer Region aus und können einschätzen, was dort passiert, selbst wenn sie nicht damit einverstanden sind. Es gibt auch das Grundmisstrauen gegen die Medien nicht, das die überregionalen Diskussionen so stark prägt. Hier findet eine wichtige Versachlichung statt, wenn die Lokalzeitung bei ihren Tugenden bleibt und die eigene Glaubwürdigkeit immer im Blick behält: Nachricht und Meinung trennen, sachlich und unvoreingenommen informieren, Gerüchte aufklären – und den Menschen damit ermöglichen, sich  in unübersichtlichen Zeiten zu orientieren.

Interview: Sascha Lübbe

Helge Matthiesen

Kontakt

Helge Matthiesen
General-Anzeiger
Telefon: 0228 – 668 84 01
E-Mail: h.matthiesen@ga-bonn.de

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