Leseranwalt

Ärger über die Bezahlschranke

von Gastautor

Aus drehscheibe 09/2026

„Schämt euch!“, schrieb kürzlich eine Leserin an Main-Post-Chefredakteur Ivo Knahn. Es ging um einen Bericht über ein vom Gesundheitsamt erlassenes Abkochgebot wegen Keimen im Trinkwasser, der auf Mainpost.de zu lesen ist. Die Frau ärgerte sich darüber, dass sich der Text hinter der Bezahlschranke befindet. In Gänze lesen können ihn nur Abonnenten.
Mit solcher Kritik wird die Redaktion immer wieder konfrontiert. Informationen, die zum Schutz von Leben und Gesundheit von Menschen wichtig sind, sollten stets auch von Nichtabonnenten gelesen werden können, heißt es dann.

Der Bericht hatte unbestreitbar eine Warnfunktion. Ihm war zu entnehmen, dass in der Region Keime im Leitungswasser gefunden worden waren und dass das Wasser abgekocht werden sollte. Diese Informationen steckten allerdings schon in Überschrift und Unterzeile des Berichts, die trotz Paywall zu lesen waren.
Das hatte die Redaktion in der Kommentarspalte erläutert – ein Hinweis, den die Leserin „unverschämt“ findet. Sie meint, der komplette Bericht mit allen Details habe der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung zu stehen.
Da die Main-Post ein Wirtschaftsunternehmen ist, können wir unsere Berichte nicht unentgeltlich zugänglich machen. Als unabhängiges Medienhaus haben wir keine Sponsoren. Auch verfügen wir nicht, wie etwa der öffentlich-rechtliche Rundfunk, über Mittel aus Gebühren. Unsere Einnahmequellen sind im Wesentlichen Werbung und Abonnements. Davon werden auch die Menschen bezahlt, die die redaktionellen Inhalte erstellen.
Unsere Abonnentinnen und Abonnenten erwarten zu Recht, dass von dem Geld, das sie zahlen, nicht auch alle anderen in Form von kostenlosen Presseberichten profitieren.
Ungeachtet dessen sind wir uns unserer Verantwortung bewusst und versorgen in wirklich heiklen Situationen die gesamte Bevölkerung mit den notwendigen Informationen.

Deshalb befinden sich die wichtigsten Informationen zu aktuellen Gefahrenmeldungen stets vor der Paywall: etwa Rauchentwicklung, Unwetter oder Warnungen vor gefährlichen Straftätern. Die wichtigsten Fakten dazu sind kostenlos zugänglich. Hintergründe und weiterführende Informationen hingegen sind ein Mehrwert, für den Leserinnen und Leser mit ihrem Abonnement bezahlen.

Hinter der Kritik der Leserin steckt vermutlich die Überzeugung, dass bestimmte Leistungen von derart überragender Bedeutung für das Gemeinwohl seien, dass sie von allen ohne Gegenleistung in Anspruch genommen werden dürften.

Der Schutz der Gesundheit ist tatsächlich von überragender Bedeutung. Allerdings gilt das Gleiche für die Versorgung mit Nahrung, und doch leuchtet den meisten Menschen ein, dass Speisen und Getränke nicht umsonst an alle abgegeben werden können. Damit sind wir beim von Journalistinnen und Journalisten gerne bemühten Beispiel des Bäckermeisters, der seine Brötchen auch nicht verschenken kann, sondern verkauft.

Exklusive Informationen gibt es außerdem nicht erst seit der Erfindung der Paywall. Schon vor Jahrzehnten musste, wer informiert sein wollte, eine gedruckte Zeitung kaufen.

Der Text erschien zuerst in der Main-Post. Er wurde redaktionell bearbeitet.

Claudia Schumann

Claudia Schumann

ist Redakteurin für Presserechtsfragen und Leseranwältin der Main-Post.

E-Mail: claudia.schuhmann@ mainpost.de

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