Leseranwalt

Die Aufgaben des Tages

von Gastautor

Aus drehscheibe 07/2019

Ich mag Rituale. Für mich fängt ein guter Tag mit einem Marmeladen-Brötchen an. Einen Tee gibt es auch immer. Und natürlich gehört die Tageszeitung dazu. Ich genieße das Gefühl, auf Papier gedruckte Nachrichten und Kommentare – quasi die Welt – in der Hand zu halten. Stehe ich dann vom Frühstückstisch auf, bin ich munter – und bereit, die Aufgaben des Tages anzugehen.

Seitdem ich Ombudsmann der Neuen Rhein Zeitung/Neuen Ruhr Zeitung (NRZ) bin, gibt es für mich nach dem Frühstück eine neue Gesetzmäßigkeit: Zunächst muss es jetzt die erste Tasse Kaffee sein – nicht zu stark, aber doch anregend. Danach setze ich mich an meinen Computer und öffne die Mailbox des NRZ-Ombudsmannes. Das ist immer ein spannender Moment: Welche Anliegen gibt es heute? Was haben die Journalisten gut, was haben sie schlecht gemacht? Welche Entscheidung der Redaktion sollte ich heute hinterfragen beziehungsweise erklären?

In der vergangenen Woche gab es 20 bis 30 Rückmeldungen. Diese Zahl ergibt sich dadurch, dass ich Beschwerden über Zustellprobleme hier außen vor lasse. Natürlich werden auch sie nicht ignoriert, sondern an die zuständigen Stellen des Vertriebs weitergeleitet – und auch von dort beantwortet, mit Kopie an den Ombudsmann.

Die anderen 20 Mails hatten inhaltliche Anliegen. So beklagte beispielsweise Petra N. (der Name ist abgekürzt, weil die Identität bei Schreiben an den Ombudsmann geschützt sein sollte), dass die Boulevardisierung bei Nachrichtenauswahl und Sprache zugenommen habe. Sie nannte zwei Beispiele. In einem Fall (Bericht über Missbrauchsfälle in einem spanischen Pflegeheim) habe ich ihr widersprochen, im zweiten Fall (Meldung über die Intimoperation eines Milliardärs) habe ich ihr
zugestimmt. Die Kopie meiner Antwort geht an die Chefredaktion.

Ferdinand B. monierte die Nachrichtenauswahl und unterstellte Manipulation durch die Redaktion – es ging um die Korruptionsanklage gegen Israels Präsidenten Netanjahu. Nachdem der Chefredakteur mir anhand der Agenturmeldung aufzeigen konnte, dass die Nachricht erst nach Redaktionsschluss der Printausgabe eingetroffen ist, die NRZ die Information aber aktuell über ihr Online-Portal verbreitet hatte, war für mich der Manipulationsvorwurf vom Tisch. Und das habe ich Herrn B. dann auch mitgeteilt.

Ein weiterer Leser, Hubert H., störte sich am falschen Einsatz des sächsischen Genitivs – zum Beispiel bei Verbindungen von Präposition und Artikel. Er brachte das Beispiel „auf’s Fahrrad“ für „auf das Fahrrad“. Der Mann hat recht – „aufs Fahrrad“ ist natürlich korrekt.

Meine Kolumne „Lokaljournalismus verdient Vertrauen“ hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Aus Journalisten-Kreisen kam Zustimmung: „Sie haben mir und sicher auch vielen Kollegen aus der Seele gesprochen“, hieß es etwa. Leserin Dagmar A. konnte dagegen mit Form und Inhalt wenig anfangen: „Ich finde die Idee mit dem Ombudsmann komplett unsinnig! Wozu brauche ich eine Schiedsperson, wenn ich eine Zeitung lesen will? (...) Ich bin in der Lage, eine Zeitung zu lesen und mir eine eigene Meinung zu bilden. Ich brauche dazu keine Erklärungen der Mysterien redaktioneller Arbeit.“

Viele andere Leser sind, so meine Antwort, für vermittelnde Worte dankbar. Es geht um direkte, ehrliche Kommunikation mit Menschen, denen an der Verlässlichkeit des Mediums gelegen ist. Es geht um Vertrauensbildung in Zeiten krisenhafter Veränderungen.

Die Aufgabe des Ombudsmannes halte ich für sehr wichtig – und werde sie weiter engagiert angehen. Ja, ich freue mich jeden Tag auf die neuen Herausforderungen …

Thomas Soyer

Autor

Joachim Umbach ist ist seit März 2019 Ombudsmann der NRZ. Er war unter anderem als Stellvertretender Chefredakteur
der NRZ und als Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung tätig.

Mail: ombudsmann@nrz.de

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