Leseranwalt

Frust wegen Werbung

von drehscheibe-Redaktion

Aus drehscheibe 14/2018

„Liebe Leserin, liebe Leser, vielen Dank für Ihre E-Mail und – ja: auch vielen Dank dafür, dass Sie sich ärgern. Denn für uns als Redaktion ist das ja (trotz allen Ärgers) ein großes Lob.“ Mit diesen und ähnlichen Worten habe ich in den vergangenen Wochen eine ganze Reihe von Antworten an aufgebrachte Leser des Hamburger Abendblatts begonnen.

Was war geschehen? Das Abendblatt hatte zwei Mal eine etwa halbseitige Anzeige auf der Titelseite gedruckt. Ein gutes Geschäft für den Verlag. Eine Sicherung unserer Gehälter – aber ein Ärgernis für unsere Leser.

Nur zwei von vielen Beispielen: „Sehr geehrte Damen und Herren beim Abendblatt, es reicht mir. Ich habe keine Lust, dauernd Ihre Experimente mit noch mehr Kommerz, noch mehr Werbung zu erleiden. Ich möchte morgens nicht als erstes von einer Seite Werbung auf der Titelseite überfallen werden.“

„Guten Morgen! Wenn ich Werbung inhalieren möchte, lese ich die lokalen Käseblätter. Oder lasse mich online beim Stöbern nach News vollmüllen. Das Hamburger Abendblatt habe ich abonniert, weil ich eine seriöse Tageszeitung lesen möchte.“

Eine Störung des Zeitungsinhaltes wollen die Leser nicht hinnehmen. Eigentlich wunderbar. Was will man als Redakteur mehr? Na klar, Verständnis schaffen und erklären: Ja, die Anzeige auf der Titelseite ist für alle Leserinnen und Leser, die sich hier über das Nachrichtengeschehen aus der Region informieren wollen, ärgerlich. Deshalb haben wir – um auf nichts
Redaktionelles verzichten zu müssen – den Umfang der Zeitung um zwei Seiten erhöht und eine komplette Titelseite auf der Seite 3 gedruckt.

Und: So ärgerlich die Anzeige auf der Titelseite für die Leser war – sie hilft uns, Preiserhöhungen zu reduzieren oder zu verschieben. Denn es ist leider gar nicht, wie vielfach empfunden, so, dass sich der Umfang der Werbung in den vergangenen Jahren erhöht hat. Das Gegenteil ist der Fall – es gibt heute deutlich weniger Werbung in der Zeitung als noch vor einigen Jahren.

Manchmal habe ich auch in die Antworten noch eine persönliche Erinnerung integriert: „Ich erinnere mich noch gut an  Zeiten, in denen das Abendblatt am Sonnabend Anzeigen ablehnen musste, beziehungsweise die Regionalausgaben ausfallen ließ – weil die Druckerei nicht mehr als 180 Seiten verarbeiten konnte (dann wurde die Zeitung zu schwer und fiel von den  Klammern, die sie von der Rotation zu den Packstationen transportierte). Das Gros dieser Anzeigen war für Wohnungs-, Stellen- und Kfz-Märkte. Die sind heute in Internet-Portalen ...“

Und ich habe den Lesern erklärt: Die Finanzierung einer Regionalzeitung hat sich auf den Kopf gestellt. Während die Herstellungskosten früher zu zwei Dritteln durch Anzeigen gedeckt wurden, müssen sie heute zu drei Vierteln durch Vertriebserlöse aufgebracht werden. Das ist den wenigsten in diesem Augenblick des Ärgers bewusst.

Das alles erzeugt bei vielen Lesern schon einmal den irrationalen Eindruck, ihnen würde immer mehr Werbung serviert. Und von einigen Lesern habe ich im Anschluss nette Antworten bekommen:

„Guten Abend, Herr Röttger! Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort und Erklärung. Dass die Anzeigenkundenmenge durch das Internet rückläufig ist, hätte mir nach kurzem Nachdenken auch klar sein müssen, ist mir aber tatsächlich nicht in den Sinn gekommen. Ich hätte es allerdings nicht so deutlich und gravierend erwartet. Was das Lob angeht: Ja, das möchte ich auch noch mal ganz explizit zum Ausdruck bringen.“

Am Anfang stand eine verärgerte E-Mail – am Ende bleibt ein dickes Lob. Was will man mehr?

Thomas Hauser

Autor

Berndt Röttger ist Stellvertretender Chefredakteur und Leseranwalt des Hamburger Abendblatts.

Mail: berndt.roettger@abendblatt.de
Telefon: 040 – 554 47 10 13

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