Leseranwalt

Gefälscht wurde immer schon

von Erik Kiwitter

Aus drehscheibe 10/2026

Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, die Geschichte von Wahlfälschungen und Wahlbetrügereien ist so lang wie die Geschichte der Wahlen selbst. Neulich habe ich gelesen, dass man früher, in grauer Vorzeit, ab und an den frisch gewählten Stammesältesten gleich wieder um die Ecke gebracht hat. Wobei man dabei schon exakt sein muss, was die Formulierung betrifft: Denn bei diesen frevelhaften Taten hat es sich ja nicht „um einen Fall von Wahlbetrug gehandelt, eher um die Annullierung einer Wahl, wenn auch auf illegitimem Wege.

In der DDR lief es so ab: Die Kandidaten der Nationalen Front erzielten mit den Genossinnen und Genossen der Einheitspartei an der Spitze ein Traumergebnis nach dem anderen. Im Mai des Jahres 1989, also ein paar Monate vor dem Mauerfall, fanden die Kommunalwahlen statt. Das Wahlsystem war ein Witz. Es gab nur eine Liste, nämlich die der Nationalen Front, und am Abend konnte Egon Krenz – sicher können Sie sich noch an den Spruch „Wir sind die Fans von Egon Krenz“ erinnern* – bekannt geben, dass die Kandidaten der Nationalen Front 98,85 Prozent der Stimmen erhalten hätten. Danach kam raus: Wahlbetrug. Und weil Wahlfälschung auch in der DDR eine Straftat war, wurden mehrere Leute später auch verurteilt, zum Beispiel die beiden Dresdner Wolfgang Berghofer und Hans Modrow. Dresdner Oberbürgermeister der eine, Bezirkschef der andere.

In Aue-Bad Schlema wurde unlängst ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Anhänger des unterlegenen Kandidaten der „Freien Sachsen“ vermuten seither nicht nur Wahlbetrug, sie sind sich dessen sogar ziemlich sicher. Das war ein Anlass für mich, in Archiven nach neueren Fällen von Wahlmanipulationen zu suchen. Ich bin fündig geworden. So gab es auch in Sachsen einen ziemlich spektakulären Betrug. In Dresden manipulierte ein 45-jähriger Mann bei den vorigen Kommunalwahlen und bei der Landtagswahl 2024 über 200 Stimmzettel, indem er die Briefwahlunterlagen heimlich aus öffentlichen Briefkästen stahl und zugunsten einer Partei fälschte. Der Mann hatte sich mit den Manipulationen selbst einen Sitz in einem Ortschaftsrat ergaunern wollen. Außerdem warf die Staatsanwaltschaft ihm vor, einen Brandanschlag auf ein geplantes Asylbewerberheim durchgeführt zu haben. Der 45-Jährige gestand die Taten dann auch reumütig und wurde vom Landgericht verurteilt. Ach so, hätte ich fast vergessen: Kandidiert hatte der Wahlbetrüger für die „Freien Sachsen“.

Der Beitrag erschien zuerst in der Freien Presse. Er wurde redaktionell leicht bearbeitet.

* (Anm. d. Red.: Propaganda-Spruch der FDJ aus den 70er-Jahren, um Krenz bei Jugendlichen beliebter zu machen)

Erik Kiwitter

ist Leserobmann der Freien Presse aus Chemnitz.

Telefon: 0371 – 65 66 56 66

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