Riskante Zahlenspiele
von Heike Groll
Aus drehscheibe 11/2026
Der Journalismus ist heute messbar wie nie zuvor. Doch bei der Themenwahl sollten Redaktionen sich nicht alleine auf Reichweiten, Klicks und Verweildauer verlassen, findet die Leseranwältin.
Was interessiert wen wie stark? In den Zeiten vor Internet, sozialen Medien und KI war eindeutig, wer diese Frage beantwortete. Welche Themen wann, wo und wie in der Zeitung standen, das haben allein Menschen in einer Redaktion entschieden. Inzwischen ist der Blick auf Reichweiten, Klicks, Verweildauer und andere messbare Faktoren redaktioneller Alltag, ständiges Hintergrundrauschen in großen und kleinen Newsrooms. In welchem Ausmaß ist das hilfreich, ab wann wird es riskant?
Die wichtigste Eigenschaft der Kennzahlen ist zugleich ihr größter Vorteil: Sie sind messbar. Ob 100 oder 100.000 Menschen einen Beitrag lesen, ist ein wichtiger Hinweis auf die „Massentauglichkeit“ eines Themas, wie stark also seine Breitenwirkung ist. Zuvor hing die Bewertung, ob „das die Leute interessiert“, alleine von Wissen, Erfahrung und Bauchgefühl der Journalisten ab. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er bei seinen Entscheidungen subjektive Vorlieben und Abneigungen nie vollständig ausblenden kann. Die persönliche Einschätzung kann dabei gravierend von der Wahrnehmung vieler anderer Menschen abweichen. Anders gesagt: Journalisten können gewaltig irren.
Die wichtigste Eigenschaft der Kennzahlen ist zugleich ihr größter Nachteil: Sie sind messbar. Und gaukeln vor, dass sie die Wirklichkeit objektiver und genauer abbilden, als ein Mensch es könnte. Das kann dazu führen, dass Redaktionen bevorzugt Beiträge produzieren, die hohe Klickzahlen erzeugen. Und das sind mit hoher Wahrscheinlichkeit eher emotionale und sensationelle Themen als Themen, die komplexer und auf den ersten Blick nicht unmittelbar zugänglich sind. Für den Journalismus ist es allein schon aus wirtschaftlichen Gründen notwendig, mit seinen Inhalten ein großes Publikum zu erreichen. Wenn eine Redaktion sich allerdings ausschließlich auf Quotenbringer konzentriert, Algorithmen der großen Plattformbetreiber also die klassischen Nachrichtenfaktoren nicht ergänzen, sondern ersetzen, ist das ein riskantes Spiel. Es verengt den inhaltlichen Spielraum von Journalisten dramatisch, die ja unabhängig von Interessen Dritter informieren und zur Meinungsbildung beitragen sollen.
Und es gefährdet letztlich das, was journalistische Medien in den Augen immer noch sehr vieler Menschen vertrauens- und glaubwürdig macht: Der eigentliche Sinn von Journalismus ist es, relevante Themen aufzugreifen, also Ereignisse und Entwicklungen, die für die Öffentlichkeit bedeutsam sind. Bedeutsamkeit ist nicht dasselbe wie Breitenwirkung. Bei einem Thema wie der aktuellen Rentenreform, das Millionen Bürger in ganz Deutschland direkt betrifft und interessiert, ist beides gegeben. Die Straßenbaustelle in einem Dorf ist dort für fast alle relevant, schon im nächsten Ort für kaum jemanden. Kluge Redaktionen nutzen für ihre Themenwahl daher messbare Zahlen als Hilfsmittel, kombinieren sie mit Erfahrungswissen und Ortskenntnis und geben so auch vermeintlich kleinen Themen die Chance, überraschend groß rauszukommen.
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