Leseranwalt

Umgang mit harscher Kritik

von drehscheibe-Redaktion

Manche Leser haben es sich angewöhnt, ihre Kritik an Beiträgen der Zeitung mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ zu garnieren. Andere sind etwas vorsichtiger und meinen, sie würden den Begriff ja nicht vorbehaltlos verwenden, aber .... So oder so starker Tobak für Journalisten, die damit umgehen müssen. Erst recht, wenn man bedenkt, dass seit Jahren Pegida-Umzüge direkt am Redaktionsgebäude vorbeiführen und dieser Ruf bis an die Arbeitsplätze schallt.

Dennoch ist es nicht hilfreich, einem ersten Impuls zu folgen und die Löschtaste zu drücken. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass viele kritische Leser für die Zeitung durchaus nicht verloren sind, auch wenn der Ton das erst mal vermuten lässt. Wichtig ist die erste Reaktion darauf: Sie sollte in jedem Fall in einem ruhigen Ton und sehr sachlich erfolgen, frei von Polemik. Deshalb ist es ratsam, eine Nacht über Vorwürfe zu schlafen. Auch kritische Leser wollen ernst genommen werden. Wenn sie dieses Gefühl haben, ändern viele den Tonfall. Jetzt kann ein Dialog entstehen. Manchmal ist es sogar leichter, diesen ersten Kontakt per Telefon zu suchen. Die meisten Leser reagieren auf einen Anruf überrascht, aber sehr positiv. Sie bekommen das Gefühl, dass die Zeitung auf sie eingeht und der Journalist wirklich wissen will, was sie umtreibt.

Es gibt freilich auch Leser, die nicht so leicht mit sich reden lassen. Bei langjährigen Abonnenten kann es sich deshalb lohnen, sie einzeln in die Redaktion einzuladen, ihnen den Newsdesk zu zeigen, vielleicht sogar an der Redaktionskonferenz teilnehmen zu lassen. Dort erhalten sie ein ganz anderes Bild von der Presse. Sie erleben engagierte, abwägende Journalisten und reagieren in fast allen Fällen positiv überrascht. Danach ist eine Basis geschaffen, um den Dialog sachlicher fortzusetzen. Bei Lesern, die auf solche Angebote nicht eingehen und eher an Frustabbau oder Propaganda interessiert sind, sind weitere Dialogversuche sinnlos.

Selbstverständlich druckt die Sächsische Zeitung kritische Leserbriefe. Es ist jedoch wichtiger denn je, darin enthaltene Behauptungen zu prüfen, Fakten zu checken und Verschwörungstheorien als solche zu erkennen. Weil die Prüfung des Wahrheitsgehalts generell schwieriger geworden ist, sollte man im Zweifelsfall eher auf einen Abdruck verzichten.

Auch die Vielschreiber sollten heute kritischer beobachtet und deutlich darauf hingewiesen werden, dass in den Leserbriefspalten viele Leser zu Wort kommen sollen. Es ist ohnehin ein schwieriger Trend zu beobachten: Viele Leser, die nach wie vor Vertrauen zu ihrer Zeitung haben und die Welt durchaus nicht in grau-schwarzen Farben malen, haben sich aus den Leserdebatten zurückgezogen. Ihnen sollte die Zeitung mit der Leserbriefauswahl und in ihren Meinungsbeiträgen signalisieren: Haltung ist nicht nur erwünscht, sie ist wichtiger denn je.

Olaf Kittel

Autor

Olaf Kittel war stellvertretender Chefredakteur der Sächsischen Zeitung. Heute ist er Autor und Ombudsmann, außerdem stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

Mail: kittel.olaf@autor.ddv-mediengruppe.de

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Kommentar von Blasinski |

Sehr geehrter Herr Kittel, ich lese immer ihre Kommentare und habe folgende Bitte an Sie. Lassen Sie doch mal folgendes recherchieren. Viele Rentner haben finanzielle Probleme am Kulturleben teilzunehmen. Nun habe ich gelesen, in Prag fährt der EU Rentner mit 70% Ermäßigung im öffentlichen Verkehr. In Italien und Spanien z.B. sind staatliche Museen kostenlos.
Warum ist das im "reichen" Deutschland nicht auch möglich?
Mit freundlichen Grüßen Blasinski

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