Zauberkraft Höflichkeit
von Heike Groll
Aus drehscheibe 06/2026
Beleidigungen und Beschimpfungen müssen auch Journalistinnen und Journalisten nicht hinnehmen. Aber sie sollten sich nicht provozieren lassen, findet Heike Groll.
Höflichkeit ist eine Zauberkraft. Sie sorgt dafür, dass Menschen rücksichtsvoll miteinander umgehen, das Gegenüber achten und Grenzen respektieren. Sie funktioniert auch, wenn Kontrahenten gegensätzliche Meinungen vertreten, sich in Beruf, Herkunft oder Bildung unterscheiden oder sich gar nicht leiden können. Wahre Höflichkeit ist weniger eine Frage der Etikette, sie entspringt der Grundhaltung, dass kein Mensch mehr oder weniger wertvoll ist als alle anderen.
Strategie der Entmenschlichung
Wie wenig selbstverständlich dies ist, erleben auch Journalisten. Für viele Reporterinnen und Reporter gehört es zum Alltag, sich mit Schimpfwörtern, Fäkalausdrücken und Drohungen belegen zu lassen. Ausdruck mangelnder Kinderstube der Urheber? Müssen Medienleute, die selbst andere kritisieren, das nicht aushalten?
Leider ist es nicht so einfach. Wenn man jemanden "Dreckschwein" nennt, mit Vergewaltigung droht, ihm eine schwere Krankheit wünscht, dann sieht man in ihm gerade nicht eine gleichrangige Person, sondern spricht ihm menschliche Eigenschaften und Würde ab.
Dies ist so häufig zu beobachten, dass man von einer „Strategie der Entmenschlichung“ sprechen kann. Ihr Ziel ist es, die Hemmschwellen zu senken, die die Gewalt gegen bestimmte Gruppen gesellschaftlich akzeptabel erscheinen lassen. Wer anders denkt oder lebt, ist nach diesem Verständnis nicht einfach ein Mensch mit einer anderen Perspektive auf die Dinge, sondern ein Feind, der die eigene Welt(sicht) bedroht und gegen den es sich darum mit nahezu allen Mitteln zu verteidigen gilt.
Zwar darf man bei den meisten Absendern verbaler Schmähbotschaften annehmen, dass sie nicht kühl und bewusst einer durchdachten Strategie folgen. Doch wer im Strom überhitzter, auf die Affekte des Publikums zielender Debatten mitschwimmt, vergrößert diesen Strom Stück für Stück. Was er transportiert, erscheint zunehmend mehrheitsfähig und „normal“. Das ist alles andere als harmlos. Wie sollten Redaktionen damit umgehen? Nicht einschüchtern lassen – gegen strafbare Angriffe, verbal oder körperlich, dürfen sich auch Journalisten wehren. Noch besser, wenn sie sich darauf verlassen können, dass Chefredaktionen und Verlagsleitungen schützend an ihrer Seite stehen.
Diskussion als Kulturtechnik
Nicht provozieren lassen – wir müssen nicht über jedes Stöckchen springen, das ums hingehalten wird. Wir dürfen einen anderen als den angebotenen Weg beschreiten oder eine Herausforderung schlicht ignorieren. Redaktionen entscheiden selbst, über wen, was und wie sie berichten. Letzteres ist besonders auch in sprachlicher Hinsicht wichtig, wenn es gilt, Floskeln und Phrasen zu entlarven. Wenn etwa eine Partei behauptet, die einzige echte Volkspartei zu sein: Was meint sie genau mit Volk (und wen nicht)? Wenn Argumente des politischen Gegners als „ideologisch“ abgetan werden: Was bedeutet „ideologisch“ und warum wird es negativ verstanden?
Vor allem aber: Diskussion als Kulturtechnik bewahren – klar in der Sache, zivilisiert im Umgang. Dann kann die Zauberkraft ihre Wirkung am besten entfalten, ganz ohne Hexerei.
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