Blogger-Diskussion

Insel der Gegenöffentlichkeit

von drehscheibe-Redaktion

Blogger (Symbolbild: Fotolia/golubovy)
Symbolbild: Fotolia/golubovy

Max Kirste hatte keine Lust mehr auf Ausreden, warum man gerade nicht zur Demo gegen S21 kommen könne. Und so wandelte sich sein privater Blog „da Max“ zu einem politischen. Jeden Tag nahm er eine der wackeligen Ausreden aus dem Freundeskreis und veröffentlichte sie auf seiner Seite. Wie die Protestierenden in Stuttgart sind auch die Netzaktiven eine „wilde Mischung“: vom jungen Politiker mit Kampagnenerfahrung bis zum engagierten Studenten, etablierten Blogger, Medienschaffenden, aktiven Widerständlern oder eher Zufallsaktivisten. Dass in Stuttgart der Protest auch aus dem Netz kam, hat den Eindruck der medialen Berichterstattung mitgeprägt.

„Soziale Medien? Wir hatten gar keine andere Chance. Als Protestbewegung versucht man schon sich irgendwie Gehör zu verschaffen“, sagt Blogger Holger Reuß. Auf der Netzkonferenz re:publica in Berlin diskutierten Reuß und da Max zusammen mit anderen über ihren Widerstand im Netz. Stellvertretend für viele andere, wie sie betonen. „Wir wollten eine Art von Gegenöffentlichkeit schaffen“, erklärt Thorsten Puttenat, Moderator des Internetsenders fluegel.tv. In gewisser Weise Katalysator der alternativen Berichterstattung waren, ist man sich einig: die lokalen Medien. Zu wohlwollend habe man in den Lokalredaktionen die Baumaßnahmen begleitet.

Aber auch hier war das Bewusstsein für den Online-Protest ein Prozess. Bevor das Aktionsbündnis sich für eine offizielle Facebook-Gruppe entschied, musste erst Überzeugungsarbeit geleistet werden, berichtet Andreas Bühler. Und auch die weiteren Plattformen entwickelten sich mehr und mehr. Parkschuetzer.de, die Seite des Aktionsbündnisses, wurde zum Einfallstor, Blogs verschiedener Initiativen entstanden als Informationsplattformen – mit gesammelten Medienberichten, Daten und Fakten. Mit cams21 und fluegel.tv gab es außerdem quasi ein eigenes Protest-TV. Worauf es bei allen Internetaktionen ankomme, stellt Reuß klar: „Ich kann auf „Gefällt-mir“ klicken und bin gegen Atomstrom. Aber deshalb wechsele ich noch nicht zu Ökostrom. Ich brauche die Struktur dahinter. Man muss eine bestimmte Position schaffen, wie beispielsweise das Aktionsbündnis, darum können ganz viele kleine Inseln entstehen.“

Ein wichtiges Thema in der Diskussion: Die Gefahr, sich in der eigenen Gruppe in einer Art Echo-Kanal der Meinungen zu bewegen. „Deshalb glaube ich, dass Medien wie Twitter, Facebook und so weiter schon fast unglaublich starke Waffen sind, um Demokratie auf die Sprünge zu helfen. Die Gefahr ist aber natürlich andererseits, dass man wirklich nur den Tunnelblick hat. Und da müssen wir aufpassen als Gesellschaft“, sagt Puttenat. Von Erlebnissen mit Diskussionen, die aus dem Ruder laufen, Kampagnen und Gegenkampagnen – oder einfach nur im Netzjargon als „Trolle“ bekannte Querschläger, die mit Tiraden jede Diskussion sprengen wollen, können alle berichten. Ein Gegenmittel könnte die Motivation über das konkrete Thema hinaus sein. „Transparenz herstellen. Wie kann eine Stadt Bürger beteiligen?“, erklärt Reuß seinen Hintergrund. Worum es in den Initiativen auch gehe: „Ideen entwickeln, wie man Gesellschaft 2.0 - nenne ich das mal ganz flapsig – wie man das macht. Stuttgart ist da ein Demokratielabor“, meint Thorsten Puttenat. In diesem Demokratielabor, schließt auch die Diskussion auf der re:publica, bleibe Journalismus keinesfalls überflüssig – wie Andreas Bühler bekräftigt. „Es bedingt sich gegenseitig, es greift ineinander und wenn es gut ineinandergreift, dann gibt es auch eine starke Demokratie, möchte ich behaupten“.

Die Diskussion gibt es auch als Video: Bitte hier entlang

Text: Petra Bäumer

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