Protest im Netz

Mittendrin statt nur dabei

von Gastautor

Social Media Prisma
Quelle: ethority.de

Zeitungen sollten über Bürgerprotest nicht nur berichten, sondern auch aktiv die sozialen Medien einbinden. Von Tobias Weckenbrock

Wenn Bürger gegen politische Systeme protestieren, dann kann das zum Regierungswechsel führen; die Fälle: Ägypten und Tunesien. Wenn Bürger gegen politische Entscheidungen protestieren, dann kann das die politische Diskussion so weit treiben, dass sie sich am Ende nur über langwierige Schlichtungsgespräche zum (vorläufigen) Ende bringen lässt; der Fall: Stuttgart 21. Fälle, die etwas gemeinsam haben: Sie sind nicht in den Medien entstanden, sondern im Volk. Ein wichtiges Vehikel dabei war das Internet. Was kann der Journalist im lokalen Kosmos daraus lernen?

David gegen Goliath, so heißt eine Facebookgruppe mit über 3.600 Mitgliedern. Im Juni 2010 erwuchs sie aus einem Hilferuf der Seniorchefin eines kleinen Buchverlags im österreichischen Steyr. Die Frau hatte eine offene E-Mail in die Welt geschickt, um darauf aufmerksam zu machen, wie ihr Verlag Ennsthaler vom Handelsriesen Thalia in seiner Existenz bedroht wurde.

Es gibt viele Geschichten mit ähnlichen Konfliktlinien und großer lokaler Nähe. Sie sind das tägliche Revier lokaler Medien. Was geschieht, wenn Kirchengemeinden fusioniert werden und hunderte Gläubige Angst haben, ihre geistliche Heimat zu verlieren? Wenn aus Real- und Hauptschulen Gemeinschaftsschulen werden und Eltern um die Qualität der Bildung ihrer Kinder fürchten? Wenn auf der Wiese hinter dem eigenen Garten nach Erdgasvorkommen tief im Erdinnern gebohrt wird, weil ein Gas-Riese damit ein Geschäft machen möchte?

Lokale Medien berichten darüber. Das war früher so, es ist heute so – im digitalen Zeitalter muss aber noch mehr dazu gehören: Lokale Medien binden soziale Kanäle des Web 2.0 ein. Sie sollten, nein sie müssen es tun, wenn der Diskurs nicht an ihnen vorbei gehen soll; wenn Blogger den Journalisten nicht die Schau stehlen sollen. Lokale Medien müssen Protestinitiativen im Internet beleuchten und deren Veröffentlichungen begleiten, analysieren und bewerten. Sie müssen mitmischen, wo die Geschichte spielt – und das, ohne Partei zu ergreifen. Sie dürfen auch selbst als Akteure im Internet auf Diskussionen und Argumente verweisen, seien es Links, Tweets, Wallposts oder Statusupdates. Sie sollten klug analysieren und kommentieren – und ihre Veröffentlichungen selbst in die Kanäle streuen.

Denn heute haben die Proteste neben ihrem Ursprung im Volk ein weiteres gemeinsam: Ihre Arena ist nicht allein die Straße, nicht allein eine Zeitung. Sie spielen auch im Internet, auf Internetseiten, bei Facebook – weil sie dort die Chance haben, den lokal begrenzten Raum zu verlassen.

Die Geschichte von Ennsthaler verließ diesen Raum. Hinter ihr formierte sich eine Protestbewegung – in Blogs, die den ungleichen Kampf als unfair betrachteten. Erst wurde sie in Österreich groß, später schaffte die Story den Weg in den Spiegel und die Süddeutsche Zeitung. Der Zwerg erreichte einen (Teil-)Erfolg – es gibt den Verlag Ennsthaler und seinen Buchladen in Steyr noch heute. Genauso wie die lokalen Medien. Solche, die eine Arena, in der solche Geschichten wachsen, den anderen überlassen, vergeben aber eine Chance: die Chance auf Geltung – und das ist nicht weniger als ihre Daseinsgrundlage, gestern, heute, aber vor allem in Zukunft.

Fünf Gebote für Journalisten, einen Bürgerprotest (im Netz) zu begleiten:

  1. Wahre deine Unabhängigkeit: Bewege dich mutig, aber vorsichtig durchs Internet und Social Web, kenne deinen Weg, achte auf Fallen und lass dich nicht vereinnahmen.
  2. Verlasse ab und zu die Beobachterposition: Mische selbst mit – aber neutral, ausgewogen, nachvollziehbar und argumentativ.
  3. Spiele mit der Zeit und taktiere mit deinen stärksten Veröffentlichungen.
  4. Springe auf die Meta-Ebene und hinterfrage, welcher Akteur mit welchem Allianzen eingeht. Beachte stets, dass hinter jeder Information ein Motiv steckt. Decke Motive auf.
  5. Gewährleiste Erreichbarkeit auf allen wichtigen Kanälen (in der Redaktion, auf Veranstaltungen, via Telefon und E-Mail, in den großen Web-Communitys) und kuratiere, was du veröffentlichst: Beobachte Diskussionen und stehe mit deinen Argumenten parat.

Fünf Gebote für Menschen, die ihren Protest in Medien platzieren wollen:

  1. Begleite deine Protestkampagne in der Nachbarschaft, im lokal begrenzten Sozialraum, öffentlich im Netz. Baue dir dafür Infrastruktur auf: ein kostenfreies Blog (z.B. www.wordpress.com), eine Facebook-Fanpage, einen Twitteraccount. Eigne dir vorher Wissen an, wie du die Kanäle einsetzt.
  2. Vernetze deine Kanäle – Blog, Facebook-Fanpage und Twitterfeed sollten nicht das gleiche einfach nur dreifach herausposaunen; sie sollten intelligent aufeinander verweisen.
  3. Sammle Fans, Follower und Friends; echte Menschen, die hinter deinem Protest stehen. Sie werden dir helfen, dein Anliegen zu verbreiten. Und sie werden dir Gewicht geben: Ein Twitter-Account mit 200 Followern wird beim Journalisten erst einmal Eindruck machen.
  4. Mache Journalisten auf deine Online-Präsenzen aufmerksam – per Pressemitteilung, vielleicht besser noch per Twittermessage oder Facebook-Kontaktaufnahme; je unmittelbarer, desto besser.
  5. Sei freundlich, aber nie anbiedernd gegenüber Journalisten. Dränge dich nicht auf, aber bringe dich ab und zu geschickt in ihr Blickfeld.

Interview mit Christoph Klemp

Energiekonzerne wie ExxonMobil vermuten in Nordrhein-Westfalen riesige Erdgasvorkommen. Doch gegen die Förder-Pläne regt sich Widerstand. Die Gegner der Gasbohrungen befürchten Umweltschäden und nutzen für ihren Protest auch die Sozialen Medien. Christoph Klemp, Redakteur im Medienhaus Lensing (Ruhr Nachrichten, Münstersche Zeitung), begleitet das Thema seit Monaten.

Bei den Bürgern gibt es große Verunsicherung wegen möglicher Gefahren durch großen Einsatz von Chemikalien – und Protest dagegen. Wie schaffen Sie es, sich davon unabhängig zu bewegen?

Indem ich versuche, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen und mich mit keiner Seite gemein zu machen. Da sind direkt betroffene Gegner, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass unter Einsatz von Chemikalien Gas gefördert wird. Auf der anderen Seite stehen Konzerne, die diese Technik für beherrschbar halten. Dazwischen gibt es Behörden, Wasserversorger, Politiker und Wissenschaftler, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. In diesem Geflecht bewege ich mich – möglichst neutral.

Ein neueres Phänomen ist, dass sich dieser Protest auch im Social Web abspielt. Wie gehen Sie als Journalist damit um?

Das Social Web ist für mich eine zusätzliche und sehr ergiebige Informationsquelle. Ich verfolge, was auf Twitter, Facebook oder YouTube zum Thema passiert, besuche regelmäßig die Internetseiten oder abonniere deren RSS-Feeds. Und während man früher umständlich bei Bürgerinitiativen Akten wälzte, guckt man heute gemeinsam interessante Dokumente in der Cloud an. Das macht vieles einfacher. Aber es ersetzt für mich nicht den direkten Kontakt – per Telefon oder bei persönlichen Treffen. Ich weiß gern, mit wem ich rede.

Ist das Web ein Segen oder eine Last für Ihre Arbeit?

Eher ein Segen. Es kostet natürlich Zeit, die Informationen dort mit journalistischer Brille zu sichten, einzuordnen und zu prüfen. Aber das gehört für mich zum Arbeitsalltag – genau wie das Sichten von Agenturen, Mails, Pressemitteilungen und anderen Medien.

Ist es vorstellbar, dass ein Medienhaus sich im Social Web selbst mitten ins Getümmel stürzt und seine Beiträge viral verbreitet?

Wir haben es doch beim „Blumenkübel“ mit der Münsterschen Zeitung erlebt: Eine kleine Nachricht wächst binnen Stunden zu einem riesigen Hype heran. Das war purer Zufall – aber klar: Artikel über Twitter und Facebook zu verbreiten, sollte für ein Medienhaus selbstverständlich sein.

Ist es für Protestler einfacher geworden, in die Zeitungsberichterstattung zu kommen?

Das glaube ich nicht. Bürgerinitiativen gab es auch schon vor dem Social Web. Sie haben es trotzdem in die Zeitungen geschafft. Aber ich stoße heute bei Recherchen leichter auf Initiativen, wenn Sie eine aussagekräftige Homepage haben.

Tobias Weckenbrock

Autor

Texte und Interview stammen von Tobias Weckenbrock. Er leitet einen regionalen Newsdesk der Ruhr Nachrichten im Raum Dortmund. Er twittert unter @weckenbrock und bloggt über den Medienwandel und das Web 2.0 auf http://weckenbrock.wordpress.com

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