125 Jahre Bonner General-Anzeiger

Digitale Zukunftsstrategien: Nicht das Lokale allein

von Stefan Wirner

125 Jahre alt wurde der Bonner General-Anzeiger im Jahr 2014. Herausgeber Hermann Neusser allerdings weist in der Jubiläumsausgabe darauf hin, dass der Verlag selbst erheblich älter ist: „Er wurde bereits im Jahr 1725 gegründet und befindet sich seit 1801 im Besitz meiner Familie.“ Dabei fühlt sich der General-Anzeiger laut Neusser noch immer dem Credo verpflichtet, das aus diesen Anfangszeiten stammt. „Zur Beförderung der Aufklärung“ stand unter dem Titelkopf des 1789 erstmals erschienen Bönnischen Intelligenzblattes, einem Vorläufer des General-Anzeigers.

Ausschnitt des Bonner General-Anzeigers

Neusser schreibt: „Der General-Anzeiger will aufklären, will informieren, will die Bürgerschaft als Souverän dieses demokratischen Staates in die Lage versetzen, eine profunde Meinung zu bilden. Klar und deutlich, schwarz auf weiß.“ Dieser Auftrag habe sich trotz aller technischen Neuerungen und der „allumfassenden Digitalisierung“ nicht verändert. Allerdings entwickle sich die Tageszeitung „in all ihren Publikationen, ob gedruckt, als Web-Auftritt oder als App auf mobilen Endgeräten, immer stärker zu einem Hintergrund- und Analyse-Medium“. Zukunft habe sie nur, wenn sie ein „Qualitätsprodukt“ bleibe.

Print und Digitales verzahnen

Wie der General-Anzeiger in Zukunft aussehen soll, daran arbeitet im Verlag unter anderem Felix Neusser, der Sohn des Herausgebers. Er trat dem Familienunternehmen im Sommer 2014 bei. Zuvor hatte er in Wien und London Betriebswirtschaftslehre studiert und Erfahrungen in der Medienbranche und in der Industrie gesammelt.

Im Interview erläutert er, wie das Verlagshaus den digitalen Herausforderungen begegnen will. Für ihn kann es einer Regionalzeitung nicht nur um das „das Lokale alleine“ gehen, man habe auch eine „Selektionsfunktion im täglichen Nachrichtendschungel“. Für Print spreche dabei, „dass Themen, die am Vortag aufgrund ihres Breaking-News-Charakters schnell über digitale Medien verbreitet wurden, im gedruckten Medium mit zeitlichem Abstand mit Hintergrund aufgearbeitet werden können. Also eine gegenseitige Unterstützung und Ergänzung der verschiedenen Medien untereinander.“ Die Marke als solche müsse den Lesern Orientierung geben – „und zwar verzahnt über Print und Digitales“. Dies bedürfe einer „starken Redaktion, die medienübergreifend leserorientiert sowohl lokal als auch überregional arbeitet“.

Dabei sieht der junge Neusser in Zeiten der Internetüberwachung sogar Vorteile in Print. Es sei doch interessant, „dass die gedruckte Zeitung das einzige Medium ist, bei dessen Konsum keine Nutzerdaten erhoben werden“. Trotz dieses vermeintlichen Vorteils will das Verlagshaus die Online-Strategie erheblich vertiefen. Es gehe auch um „die richtige Dramaturgie in Bezug auf unsere Internetseite, um Apps, Newsletter, soziale Medien, das E-Paper und die gedruckte Zeitung. Dabei müssen die Nachrichten und Inhalte sowie deren Darreichungsform natürlich auf die Möglichkeiten der jeweiligen Kanäle abgestimmt sein“.

Wie sich die digitale Zukunft finanziell auszahlen könnte, dafür gibt es auch in Bonn noch nicht das Patentrezept. Neusser sagt: „Aber vielleicht gibt es sie auch gar nicht, die eine, geniale Lösung, sondern das Ganze ist und bleibt ein fortwährendes Bemühen um jeden Fortschritt, an dem wir auch beim General-Anzeiger fortwährend arbeiten müssen.“ Eine Aufgabe, die das Traditionshaus mit Leidenschaft und Courage annimmt.

Haben Sie Interesse an der gesamten Jubiläumsausgabe des Bonner General-Anzeigers? Wir schicken Ihnen gerne das PDF zu. Einfach E-Mail an: info@drehscheibe.org

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