Interview

„Ich habe mich gefragt, wer da drin lebt“

von Stefan Wirner

Die Panoramaseite der Backnanger Kreiszeitung

Hochhäuser gibt es in vielen Städten, auch in kleineren. Manchmal sind sie auch Markenzeichen der Stadt. Aber wer wohnt eigentlich darin? Das hat sich Matthias Nothstein, stellvertretender Redaktionsleiter der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung, gefragt. Er nahm Kontakt auf und porträtierte auf einer Panoramaseite die Bewohner des höchsten Hauses der Stadt.

Herr Nothstein, wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Geschichte zu machen?

Seit Jahren habe ich mich, immer wenn ich an dem Hochhaus vorbeifahren bin, gefragt, wer wohl hinter den vielen Fenstern lebt, die man da sieht. Irgendwann habe ich mich dann einfach vor die Tür gestellt und mit ein paar Leuten gesprochen, die da ein- und ausgingen. Ich bekam den Tipp, mich doch an den Hausmeister zu wenden. Der hat mir dann einige interessante Menschen genannt, die in dem Haus leben. Ich habe ihn konkret gefragt: Wer wohnt am längsten darin? Wer ist der Älteste? Wer wohnt im obersten Stockwerk? So hat sich eines zum anderen begeben.

Sie haben auch ein Schreiben verteilt.

Ja, ich habe in mehr als 60 Briefkästen ein Schreiben gesteckt und mitgeteilt, dass ich gern fünf, sechs Porträts machen würde von den Leuten, die in dem Haus wohnen. Darauf bekam ich einige Rückmeldungen von Hausbewohnern, die mitmachen wollten. Einige haben mich dann eingeladen, und ich bin zum Kaffeetrinken gekommen. Ich habe viele Besuche in der Mittagspause gemacht. Das Hochhaus ist anderthalb Kilometer weg von der Redaktion, ich bin öfter hingelaufen. Das hat für mich gut gepasst, damit ich auch auf mein sportliches Ziel von 10.000 Schritten jeden Tag komme. Das hat sich über einen Monat hingezogen.

Wie verliefen diese Gespräche? Wie lange dauerten die etwa? Und wie auskunftsfreudig waren die Leute?

Die Abfrage dessen, was ich wissen wollte, dauerte meist nur eine Viertelstunde. Aber dann kamen wir oft erst so richtig ins Gespräch. Die Frau, die am längsten in dem Haus wohnt, hat zum Beispiel auch noch ihre Nachbarin eingeladen, da ging es dann viel um Privates. Die beiden Damen waren Vertriebene. Die Familie der einen wurde zu Stalins Zeiten von der Wolga nach Nowosibirsk, ins tiefste Sibirien, deportiert. Im Laufe der Treffen habe ich erfahren, dass auch die älteste Bewohnerin des Hauses exakt dieses Schicksal geteilt hat. In den 90er Jahren kamen sie dann nach Deutschland. Und jetzt wohnen sie gemeinsam in einem Haus, nur durch ein paar Stockwerke getrennt. Man hat mich ins Schlafzimmer geführt und mir die Ahnengalerie gezeigt, an der Wand hatte die Frau 100 Bilder hängen, und sie hat mich ihre Fotoalben einsehen lassen. Ihre Geschichte war unglaublich beeindruckend.

Da habe ich gespürt: Ich habe schon den richtigen Beruf, nur habe ich manchmal nicht die richtigen Schwerpunkte. Ich bin der Experte für das Bauen und für die Gemeinderäte und so, aber eigentlich würde ich viel lieber über Menschen schreiben.

Sie haben dann insgesamt sechs Personen gesprochen.

Ja, aber es hätten mehr sein können, ich hätte mit den Geschichten ein Buch füllen können. Ich sprach zum Beispiel mit einem Projektleiter, der ganz oben wohnt im Haus, oder mit einer Frau, die seit 1968 im Haus wohnt, und mit einer Familie, die in drei Stockwerken Wohnungen belegt.

Die Panoramaseite zeigt auch wunderbare Fotos der Bewohner, gerade von dem Projektleiter ganz oben im Haus.

Ja, die Fotos stammen hauptsächlich von dem Fotografen Alexander Becher. Das von dem Projektleiter hat er mit einer Drohne und einem extremen Weitwinkel gemacht. Das Foto hat uns so gefallen, dass wir es auch auf der Titelseite hatten. Einmal, als Alexander Becher krank war, ist der Fotograf Dietmar van der Linden eingesprungen.

Ist das so eine Geschichte gewesen, die einem auch ein bisschen Schwung für den weiteren Redaktionsalltag verleiht?

Ja! Allein die Rückmeldung innerhalb der Redaktion waren sehr aufbauend, da gab es sehr viel Lob. Auch die Reaktionen der Hausbewohner waren einfach großartig. Zum Beispiel diese Familie, die über drei Stockwerke verteilt lebt. Die Mutter war anfangs eher ein bisschen abweisend. Aber ihr 16-jähriger Sohn hat dann mitgemacht. Als ich das Belegexemplar überbringen wollte, war bloß die Mutter da. Sie hat mir die Tür geöffnet und stand da in der Schürze. Als sie mich gesehen hat, hat sie von einem Moment auf den anderen über das ganze Gesicht gestrahlt. Sie hat mir erzählt, dass der Lehrer des Sohns die Zeitung mit in die Schule gebracht hat, und der Sohn ist jetzt der Held in der Schule.

Interview: Stefan Wirner

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