Buchbesprechung

Lokale Schlachten schlagen

von Stefan Wirner

Jonathan Franzen kritisiert die alleinige Fixierung auf den Klimawandel. (Foto: AdobeStock/ vegefox.com)
Jonathan Franzen kritisiert die alleinige Fixierung auf den Klimawandel. (Foto: AdobeStock/ vegefox.com)

Für seine Kritik an den derzeit diskutierten Maßnahmen gegen den Klimawandel wurde der Schriftsteller Jonathan Franzen mit einem heftigen Shitstorm überzogen. Dabei plädiert er für mehr vernünftigen Naturschutz, dezentrales Engagement und die Bewahrung der Demokratie.

Mit dem Roman „Die Korrekturen“ machte sich Jonathan Franzen einen Namen in der literarischen Welt – das Porträt einer amerikanischen Familie im Mittleren Westen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In jüngster Zeit aber zieht der Schriftsteller mit anderen Themen die Aufmerksamkeit auf sich: So wurde bekannt, dass er ein großer Vogelliebhaber ist und in seiner Freizeit Vögel beobachtet. In einem Beitrag für das Magazin National Geographic im Jahr 2013 plädiert er vehement für einen besseren Schutz von Vögeln.

Nun hat Franzen sich auch zum Klimawandel geäußert. Bei Rowohlt erschien kürzlich sein Essay „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen – Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können“. Mit seinen Thesen erntete er heftige Kritik von Klimaschützern, „eine Flut öffentlicher Feindseligkeit der Klima-Community“, wie er schreibt. Die Reaktion sei insbesondere in den sozialen Medien „bösartig negativ“ gewesen. Mit welchen Thesen hatte er diesen Unmut erzeugt?

Franzens Grundaussage lautet: „Dem Klimawandel den totalen Krieg zu erklären war nur sinnvoll, solange er sich noch gewinnen ließ. Sobald wir akzeptieren, dass er bereits verloren ist, gewinnen andersgeartete Maßnahmen an Bedeutung.“ Was zunächst nach Defaitismus klingt – wir können eh nichts mehr machen – hat einen leidenschaftlichen, aufklärerischen Impetus. Die Fakten hätten sich geändert, wir hätten „in den letzten dreißig Jahren so viel atmosphärisches Kohlendioxid produziert wie in den gesamten vorangegangenen zwei Jahrhunderten der Industrialisierung“. Das Zwei-Grad-Ziel sei schlicht nicht mehr zu erreichen, dafür sorgten „allein die Kohlendioxidemissionen der bereits bestehenden globalen Infrastruktur“. Franzen kritisiert Gigaprojekte im Bereich der erneuerbaren Energien genauso wie die Biodieselverordnung der EU, die „der Entwaldung Indonesiens zugunsten von Palmölplantagen Vorschub leistete“. Er erinnert daran, dass wir es neben dem Klimawandel auch mit einem anderen Aspekt unseres naturzerstörerischen Handelns zu tun haben: dem Artensterben. Dieses werde einfach unter dem Klimawandel subsumiert, was falsch sei.

Franzen schlägt konkrete Maßnahmen vor: Er plädiert für „regionale Landwirtschaft“, „Förderung gesunder Böden“, „Schutz von Bienen“, für die „Vorbereitung auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlinge“ und die „Bewahrung funktionierender Demokratien, Rechtssysteme und Gemeinschaften“. Gerade beim letztgenannten Punkt hat er womöglich ins Wespennest gestochen, denn nicht wenige Klimaaktivisten sind durchaus dazu bereit, die Demokratie ein wenig einzuschränken, schließlich gehe es um die Rettung der Welt. Franzen aber meint: „Faire Wahlen zu gewährleisten ist eine Klimaaktion. Gegen extreme Vermögensungleichheiten vorzugehen ist eine Klimaaktion. Die Hassmaschinen der sozialen Medien abzuschalten ist eine Klimaaktion“. Es sei sinnvoll, „kleinere, lokale Schlachten zu schlagen, die sich tatsächlich gewinnen lassen“.

Wer meint, Franzens Kritik am Absolutismus gängiger Klimaschutzmaßnahmen einfach vom Tisch wischen und denunzieren zu können, begeht einen großen Fehler. Denn der dichte, kurze Essay zeigt auf, in welch komplexen Systemen wir uns bei dem Thema bewegen und was alles auf dem Spiel steht. Wenn Klimaschützer Franzen mit einem Shitstorm überziehen, machen sie genau das, was sie den Leugnern des Klimawandels vorwerfen: Sie begegnen Argumenten mit Ressentiments.

Text: Stefan Wirner

 

Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Rowohlt Verlag, Hamburg, 2020. 60 Seiten, 8 Euro. Zu Jonathan Franzen im Rowohlt Verlag

 

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1. Wie gut ist die Region auf Hochwasser oder Brände vorbereitet? Nachgefragt bei der Kommune und beim THW.

2. Stellen sich regionale Bauern bereits auf den Klimawandel ein? Mit welchen Maßnahmen? Schwerpunktseite.

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