Perfide Täuschungsmanöver
von Jan-Malte Wortmann
Immer wieder tauchen in der Region dubiose Warnmeldungen und Berichte über Verbrechen auf, die sich als Falschnachrichten herausstellen. Ein Reporter begleitet das Thema über Jahre und sucht nach Mustern und Urhebern.
Idee
Themen wie vorgetäuschte Straftaten, Wanderlegenden, Fake News und Kettenbriefe über vermeintliche Verbrechen beschäftigen Wolf-Dieter Obst als Polizeireporter der Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten schon seit einigen Jahren in immer neuen Varianten. „Mit WhatsApp, Facebook und anderen Chatgruppen ist das Phänomen förmlich explodiert“, berichtet er. In diesem Fall waren es Eltern, die Meldungen über Kindesentführungen und verdächtige Männer vor Schulen nach dem Schneeballprinzip ungeprüft weiterverbreiteten. „Nachdem wieder einmal ein solcher Fall aufgetaucht war, wollte ich das Thema einmal größer einordnen“, erklärt Obst.
Recherche
Zuerst wandte sich der Reporter an die Polizei und fragte nach, was über den angeblichen Entführungsfall und die Urheber der Meldung bekannt ist. „Konnten sie schon in anderen Fällen die Hintergründe, oft Missverständnisse, aufklären? Mit welchen anderen Fake-Fällen und Mustern der vergangenen Tage und Woche lässt sich das vergleichen?“, wollte Obst von den Beamtinnen und Beamten wissen. Er durchsuchte Archive und sprach mit Experten über diese Form der Falschmeldung, etwa einem Professor für Medienwissenschaft. Es zeigte sich, dass die Anzahl falscher Verdächtigungen in Baden-Württemberg steigt – und dass verschiedene Motivationen dahinterstecken können: So sollen in manchen Fällen bewusst Angst und fremdenfeindliche Vorurteile geschürt werden, oft handelt es sich bei den Meldungen auch um perfide Phishing-Fallen.
Herausforderungen
Ein besonderer Fall in dem Zusammenhang ereignete sich bereits 2015. Damals hatte ein Unbekannter Warnmeldungen an Haltestellen in Stuttgart aufgehängt, dass eine Frau brutal vergewaltigt worden sei. „Es gab aber Plausibilitätsfehler in der Beschreibung und die Polizei kannte einen solchen Vorgang gar nicht“, berichtet Obst. Nachdem er über diesen Fall berichtet hatte, wandte sich der Unbekannte über Wochen per Mail und mit Briefen an ihn – „unter anderem mit verhöhnenden Fotocollagen.“ Tatsächlich konnte Obst über die Mailadresse auf Umwegen den möglichen Urheber aufspüren. „Am Ende stand ich vor seiner Wohnanschrift und steckte ihm meinerseits einen Brief in seinen Briefkasten, er möge sich doch mal mit mir persönlich treffen. Damit endete alles. Mehr wollte ich auch nicht erreichen“, erzählt er.
Reaktionen
Vereinzelt erreichen die Redaktion Leserbriefe zu dem Thema. Teilweise handele es sich dabei auch um Hinweise, zum Beispiel auf Drogenhändler in der Nachbarschaft, die sich nicht selten als falsch herausstellen. „Wichtig wäre vor allem, dass die Leserinnen und Leser sensibilisiert für diese Falschnachrichten sind“, sagt Obst. „Dass sie meinen Bericht auf ihren Kanälen weiterverbreiten, wenn sie auf dubiose Meldungen stoßen.“ Auch bei offiziellen polizeilichen Meldungen sei in manchen Fällen Zurückhaltung angemessen, findet er: „Die Palette der erfundenen Verbrechen und vorgetäuschten Straftaten ist groß.“
drehscheibeTipp
Nachgefragt bei der Polizei: Gibt es in der Region Fälle von falschen Warnmeldungen und vorgetäuschten Verbrechen? Was steckt dahinter? Und woran können die Leserinnen und Leser die falschen Nachrichten erkennen? Außerdem ein Gespräch mit einer Medienwissenschaftlerin: Was fasziniert uns so an Geschichten über Kriminalfälle? Nutzen die Falschmeldungen diese Schwachstelle aus?
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