Wenn Selbstfindung zum Albtraum wird
von Jan-Malte Wortmann
Achtsamkeit, Meditation, Yoga: Spirituelle bis esoterische Wege der Selbstfindung, der Suche nach einer Balance zwischen Körper und Geist erfreuen sich seit einigen Jahren immer größerer Beliebtheit. Das mag auch mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt zusammenhängen, den viele als unübersichtlich, hektisch und überfordernd wahrnehmen.
Hintergrund
Doch nicht immer verläuft der Rückzug ins Spirituelle harmlos: Der Fall des vermeintlichen Gurus Gregorian Bivolaru, der 2023 in Paris festgenommen wurde, sorgte für einiges Aufsehen. Ihm wird Machtmissbrauch bis hin zu Vergewaltigung und Menschenhandel vorgeworfen. Bivolaru war der Kopf der internationalen Yoga-Bewegung „Atman“, die von vielen als sektenartige Gruppierung beschrieben wird. Ein Investigativteam des Bayerischen Rundfunks (BR) stellte infolge seiner Festnahme umfangreiche Recherchen zu dem Fall an und sprach mit mehreren Betroffenen.
Idee
Nina Eichenmüller und Nina Kammleiter, Redakteurinnen der Nürnberger Nachrichten, berichteten nach Veröffentlichung der BR-Recherchen ebenfalls über den Fall und starteten einen Aufruf: Gibt es auch in der Region Nürnberg/Erlangen Menschen, die Erfahrungen mit der Bewegung gemacht haben? Das erschien nicht unwahrscheinlich, denn die beiden Journalistinnen hatten festgestellt, dass die Deutsche Akademie für traditionelles Yoga e.V., die zum Atman-Verband gehört, in den beiden Städten Yogastudios betreibt.
Recherche
Tatsächlich meldete sich eine junge Frau bei Eichenmüller und Kammleiter. Anhand ihre Aussagen – der Geschichte einer Frau aus der Region – konnten sie das System des Gurus und seiner Yoga-Sekte greifbar machen. Denn auch in der Nürnberger Yogaschule hatte Gregorian Bivolaru durchaus eine prominente Rolle gespielt. Außerdem sprachen die beiden Journalistinnen mit mehreren Sektenausstiegsberatungsstellen und nahmen Kontakt zur Deutschen Akademie für traditionelles Yoga auf. Die Akademie antwortete ihnen nicht, veröffentlichte aber an dem Tag, als die Frist zur Stellungnahme ablief, eine Pressemitteilung zu den Vorwürfen.
Umsetzung
Die Ergebnisse der ausführlichen Investigativrecherche erschienen nicht nur als Artikel in den Nürnberger Nachrichten, sondern wurden auch im True-Crime-Podcast „Abgründe“ ausgebreitet. Kammleiter und Eichenmüller waren dort zu Gast bei Moderatorin Franziska Wagenknecht. Sie erzählten von ihrem Vorgehen und davon, wie sie die junge Frau erlebt haben. Sie sprachen auch darüber, welche Rolle eine von multiplen Krisen bewegte Gegenwart in dieser Geschichte spielt: „Es gibt immer mehr Menschen, die auf der Suche nach Sinn und Orientierung sind, bestimmt auch wegen der ganzen Krisen und Kriege auf der Welt“, sagt Nina Eichenmüller in dem Gespräch. „Dann haben solche Gruppen leichtes Spiel.“
Eine weitere Erkenntnis ist ihr wichtig zu betonen: Dass man versuchen müsse, die betroffenen Frauen zu verstehen. „Ich kann nachvollziehen, dass man erst einmal denkt: Selbst Schuld, wer so etwas mit sich machen lässt“, sagt Eichenmüller. „Aber man muss bedenken, wie sehr ihnen ständig irgendetwas eingeredet wird, wie sehr sie von ihrem Umfeld isoliert werden und nur noch für diese Gruppe leben. Sie können gar nicht mehr für sich selbst einstehen. Das hat nichts damit zu tun, dass das schwache oder dumme Frauen sind. Die Schuld trägt der Täter, Gregorian Bivolaru.“
Links
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Hier geht's zum Artikel in den Nürnberger Nachrichten (Paywall).
drehscheibeTipps
- Yoga-Fans aus der Region berichten: Wie sind sie zum Yoga gekommen? Was ist das Besondere an dem Sport? Hilft Yoga, mit den Krisen der Welt zurechtzukommen? Und: Gibt es ein besonderes Gemeinschaftsgefühl in einer Yoga-Gruppe? Was denken sie über Geschichten wie die des Gurus Bivolaru?
- Interview mit einer Ausstiegsberatung: Gibt es sektenartige Gruppierungen in der Region? Wie hat sich die Zahl der Menschen, die Halt in diesen Bewegungen suchen, in den vergangenen Jahren verändert? An welchem Punkt wird eine solche Gruppendynamik gefährlich?
- Sportmuffel im Selbstversuch: Eine Redakteurin oder ein Redakteur macht eine 30-Tage-Yoga-Challenge. Wie fühlen sie sich körperlich – wie psychich? Fühlen sie sich ausgeglichener, auch mt Blick auf die multiplen Krise der Gegenwart?
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