Weltzeitungskongress in Turin

Acht Ansichten aus fünf Kontinenten

von Gastautor

Von den USA bis Korea: Kongress-Teilnehmer aus acht verschiedenen Ländern und ihr Blick auf die internationale Zeitungslandschaft.

„Praktisch keine Reserven für Innovationen“

Zahlreiche Zeitungen haben in den letzten Jahren soviel Einschnitte in die Substanz vorgenommen und soviel Personal abgebaut, dass sie praktisch keine Reserven für Innovationen haben. Das sind bei vielen Zeitungsunternehmen vor allem in mittelgroßen Städten ungünstige Voraussetzungen für die Errichtung von Bezahlschranken, auf die die Eigentümer immer mehr setzen. Die Produkte sind nicht gut genug, so dass die Akzeptanz im Markt schwach ist. Daraus haben einige Unternehmen die Konsequenz gezogen, doch wieder in die Redaktion und zugleich in die Intensivierung der digitalen Produkte zu investieren. Zugleich verstärken sie ihre Anstrengungen in den digitalen Werbemärkten. Digitale Techniken sind ja sehr gut geeignet, die lokalen Werbetreibenden zu stimulieren Professioneller lokaler Journalismus ist nun mal von der Entwicklung der Einnahmen abhängig, die sich fast nur noch im Digitalen steigern lassen. Leider haben erst wenige Verleger verstanden, dass gute Stories und ein hinreichender Umfang des journalistischen Angebots Erfolg bringen.

(Ken Doctor, Medienanalyst, Autor von „Newsonomics“ und Betreiber einer Website unter diesem Namen, USA)

„Krieg zwischen traditionellem und neuem Journalismus“

Die Zeitungen in meinem Land versuchen gerade, sich neu zu erfinden. Wir sind Dinosaurier. Die Entwicklung der Titel der Yedioth Ahronoth Group ist durchaus stabil. Dennoch sind wir wegen der Zukunft besorgt und setzen daher auf das Neue, die digitalen Techniken. Die kleineren Zeitungen in Israel machen zur Zeit eine besonders schwierige Phase durch. Einige mussten schon aufgeben, was sehr schade ist. Beim Journalismus versucht unsere Gruppe, traditionelle Werte hochzuhalten, was nicht leicht ist. Über das Digitale - also Blogs, die ganze Atmosphäre und Kultur im Netz – erreichen uns doch ziemlich heftige Affekte, zum Beispiel immer schneller zu werden, was bedeutet: weniger sorgfältig. Was sich beobachten lässt ist eine Art Krieg zwischen dem traditionellen und dem neuen Journalismus.

(Yoel Esteron Verleger und Chefredakteur, Calcalist (Wirtschaftstitel), Yedioth Ahronoth Group, Tel Aviv, Israel)

„Wir investieren eine Menge in good content“

Lokalzeitungen spielen in Indien eine bedeutende Rolle. Die großen Verlagsgruppen, deren Haupttitel durchweg über zwei Millionen Auflage drucken, haben zumeist eine Vielzahl von Ausgaben in den jeweiligen Regionalsprachen. So haben die Menschen in den kleineren Städten und auf dem Lande schon am frühen Morgen einen Zugang zur Welt, der ihnen sonst versperrt bliebe. Wir sind im Übrigen ein Multimediahaus, mit Online-Plattformen, auch mit lokalem Fernsehen, was zusammen gute Einnahmen sichert. Für den Journalismus sind das gute Voraussetzungen, den Weg in die Zukunft zu gehen. Wir investieren eine Menge in good content. Darunter verstehen wir vor allem solide recherchierte Geschichten, die die Leser als glaubwürdig empfinden. Kritik und Kontrolle, typisch für Zeitungen in den USA oder in europäischen Demokratien, sind nicht unsere Ziele. Unsere Stories können auch Analyse und Hintergrund bieten, aber dürfen nicht die Leser überfordern. Sie wollen und sollen auch ein Vergnügen beim Lesen haben.

(Jacob Mathew, Executive Editor, Malayala Manorama, Kerala, Indien)

„Es fehlt an Kompetenzen und Fortbildung“

„Lokaler Journalismus ist enorm wichtig. Aber im Alltag stellen sich massive Probleme. Es ist nicht gerade ungefährlich, in einem Land mit einer unzureichenden Verkehrsinfrastruktur zu reisen. Außerdem ist es ziemlich teuer. Ein weiteres Problem ist der Mangel an journalistischen Kompetenzen, weil es zu wenige moderne Fortbildungseinrichtungen gibt. So fehlt es an der Fähigkeit, bei Interviews hart nachzufragen. Die Folge: Die Interviewten können ungeprüft sagen, was sie wollen.“

(Geoffrey Kulubya Vision Group, Managing Editor Regionals, Kampala, Uganda)

„Großer Konsens über digitalen Zukunftskurs“

Praktisch alle Zeitungen in meinem Land haben sich auf die digitale Reise in die Zukunft begeben. Japans Bevölkerung hat bekanntlich eine hohe Affinität zu neuen Techniken. Viele junge Leute nutzen mehr als ein Smartphone. Der neue Kurs ist wirtschaftlich aber noch nicht sehr erfolgreich. Für Kyodo News sind lokale Zeitungen ein wichtiger Kunde. Wir bieten aber keinen regionalisierten Newsservice. Aktuell bauen wir einen Videoservice für unsere Kunden auf. Sicherlich ein Zukunftsthema. Weder die großen landesweiten noch die kleinen Blätter in den Präfekturen bieten im Augenblick mehr an als Text und Fotos. Doch das wird sich ändern, wenn auch langsam.

(Hajime Ozaki, Direktor Internationale Angelegenheiten, Kyodo News Agency, Tokio, Japan)

„Fast ein Testmarkt für Journalismus in old und new media“

Australien hat gerade einmal 20 Millionen Einwohner, aber einen sehr bewegten Zeitungsmarkt. Der entscheidende medienpolitische Punkt ist die dominierende Rolle, die Murdoch mit seinen Zeitungen ausübt, selbst in den lokalen Märkten - zum Beispiel in Adelaide -, auch bei den Websites der Zeitungen. Was sich derzeit beobachten lässt ist eine gewisse wachsende öffentliche Unzufriedenheit mit der rigorosen Art von Journalismus, die sich bei den Murdoch-Medien herausgebildet hat. Im vergangenen Jahr hat der britische Guardian eine eigene Internet-Ausgabe auf dem australischen Markt etabliert. Die Australier haben nun Alternativen, auch durch andere Global Player wie die Huffington Post oder BuzzFeed. Fast ließe sich sagen: Unser Land ist ein Testmarkt für die Presse alten und neuen Stils und die entsprechenden Auffassungen von Journalismus geworden.

(Julie Posetti, Journalism Lecturer, University of Wollongong, Australien / Research Fellow Wan-IFRA)

„Zeitung als Werbeträger immer noch attraktiv“

Die Auflagen der Zeitungen in Korea sinken Jahr für Jahr. Auch die Einnahmen in den Werbemärkten der Zeitungen sind rückläufig, aber nicht so krass wie etwa in den USA. Leute mit einem Job sind nach wie vor interessiert, die Zeitung zu lesen. Das ist auch für die Werbetreibenden immer noch attraktiv. Eher sind es die junge Leute, die sich sehr schnell von Print abwenden, stärker Smartphone und PC nutzen. Wenn Sie nach der Basis für Journalismus fragen, bei den großen wie bei den kleineren Zeitungen, gibt es in Korea eine Besonderheit. Es ist nicht üblich, Beschäftigte zu feuern. Man sucht gemeinsam nach einer Lösung. Zeitungen sind häufig Teile von Großunternehmen. Daraus ergeben sich Spielräume.

(Huh Seungho, Generalsekretär der Vereinigung der Zeitungen Koreas, Seoul)

„Kleines Land mit verheißungsvollen Ansätzen“

Die kleineren Zeitungen in den Niederlanden stecken in einer Krise. Sie verlieren Leser, wie wohl überall im Westeuropa. Aber sie leben noch. Daher sind derzeit alle Anstrengungen darauf gerichtet, die regionalen Zeitungen und die regionalen Medienzentren zu erhalten. Dafür wird Geld gebraucht. Eine Strategie geht dahin, sie zu größerer Zusammenarbeit zu ermuntern. Eine andere, Fördergelder bei der Regierung einzusammeln, die wir dann einsetzen, um die Kooperation zu unterstützen. Unabhängig davon gibt es eine Fülle von verheißungsvollen neuen Ansätzen. Holland ist ein kleines Land; aber es existieren schon an die 300 hyperlokale Angebote, natürlich nur digital.

(René M. van Zanten. Generaldirektor des niederländischen Pressefonds, Den Haag)

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