DJV-Tagung: Weibsbilder

Chauvinismus nicht weglächeln!

von Ann-Kristin Schöne

Körperliche Angriffe auf Journalistinnen, Druck auf Medienmacherinnen und Medienmacher durch die sozialen Medien und die Konkurrenz, die fehlende weibliche Perspektive: All diese Aspekte waren Teil der Podiumsdiskussion, die im Rahmen des DJV-Journalistinnentags am 12. und 13. März in Köln stattfand. Doch letztendlich dominierte ein anderes Thema die Diskussion.

DJV-Tagung

Dr. Mechthild Mäsker, Vorsitzende des DJV-Fachausschusses „Chancengleichheit“, machte gleich zu Beginn deutlich, dass die Veranstalterinnen vor rund einem Jahr, als sie die Tagung planten, nicht geahnt hätten, welche Aktualität und Dimension dem Thema „Frauenbild“ zukommen würde. Sie spielte damit auf die Silvesterereignisse in Köln an und sagte: „Selten war die Stimmung in Deutschland so aufgeheizt. So hysterisch, so unübersichtlich.“

Auch Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die die einleitenden Worte zur Podiumsdiskussion sprach, äußerte sich nochmals zu den Ereignissen: „Das hat mich kalt erwischt. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet.“ Weiter erklärte sie, dass die Sache mit der Armlänge „unglücklich gelaufen“ sei und sie aus einer Broschüre der Stadt Köln mit dem Titel „Partysicherheit“ zitiert habe. „Erst war ich nur das Opfer eines Attentats, jetzt bin ich die Armlängen-Frau. Ich wäre gerne mal wieder die Oberbürgermeisterin von Köln.“

Und dann sagte Reker etwas, womit sie indirekt das Thema ansprach, um das sich die Diskussion schließlich drehte. Sie betonte: „Man sollte Beleidigungen, Belästigungen und Chauvinismus nicht weglächeln.“ Dafür braucht es allerdings Selbstbewusstsein. Und genau darüber diskutierten schließlich Juliane Leopold, freie Journalistin und ehemalige Chefredakteurin von Buzzfeed, Dr. Ilka Desgranges, Ressortleiterin der Saarbrücker Zeitung, Ine Dippmann vom MDR Leipzig, Prof. Dr. Marlis Prinzing, Professorin an der Hochschule Macromedia Köln, und Britta Hilpert, die Leiterin des Landesstudios Brandenburg des ZDF.

Angriffe auf Journalistinnen

Zu Beginn berichteten Ine Dippmann und Britta Hilpert von den körperlichen Angriffen auf sie. Ine Dippmann bekam während einer Demonstration des Pegida-Ablegers Legida in Leipzig einen Schlag ins Gesicht: von einer Frau. Britta Hilpert wurde bei einer Demonstration von AfD-Anhängern in Cottbus bedrängt. Beide Journalistinnen betonten, dass sie diese Vorkommnisse sofort öffentlich gemacht hätten. Das sei angesichts der Radikalisierung, auf der Straße wie im Netz, enorm wichtig. Nach Meinung Dippmanns und Hilperts müssten Journalistinnen und Journalisten der aufgepeitschten Stimmung in Deutschland mit Aufklärung und Präsenz begegnen.

Leopold wies jedoch darauf hin, dass man sich auch zurückziehen und Ruheräume schaffen müsse: „Die permanente Auseinandersetzung kann einen kaputt machen.“ Dem widersprach Desgranges: „Ignorieren geht vielleicht mal. Aber eigentlich widerspricht das unserem Beruf: Wir leben doch von der Auseinandersetzung.“ Gerade in dieser Tatsache sah Ine Dippmann den Grund, um mit breiter Brust rausgehen und berichten zu können. Für die fünf Diskutantinnen stand fest: An einem selbstbewussten Auftreten von Journalistinnen führe kein Weg vorbei, die Frage war jedoch: Wie soll dieser Weg aussehen?

Marlis Prinzing vertrat die Ansicht, dass Frauen klare Forderungen ans eigene Unternehmen stellen müssten. Leopold war in diesem Punkt anderer Meinung: „Viel wichtiger ist, dass sich Frauen Netzwerke und somit Unterstützung schaffen.“ In punkto netzwerken sah Desgranges jedoch ein grundsätzliches Problem: „Wenn wir nur auf Netzwerke setzen, liegt die Verantwortung allein bei uns selbst: Du hast kein gutes Netzwerk geschaffen, du bist selbst schuld.“ Die Ressortleiterin der Saarbrücker Zeitung plädierte aus diesem Grund auch dafür, an der Unternehmensethik zu arbeiten.

Eigene Berichterstattung überprüfen

Prinzing wies in diesem Zusammenhang auf einen weiteren Aspekt hin – die Art der eigenen Berichterstattung. Denn ihrer Meinung nach reiche es nicht, wenn genügend Frauen in den Redaktionen säßen. „Wir müssen auch unsere eigene Arbeit ständig auf den Prüfstand stellen.“ Sie berichtete, dass der Boston Globe ein „Gender-Tracking Tool“ entwickelt hätte. Prinzing meinte, dass jede Journalistin darauf achten müsse, selbst die weibliche Perspektive in der eigenen Berichterstattung zu berücksichtigen.

Darüber hinaus wurde deutlich, dass Selbstbewusstsein nicht nur enorm wichtig ist, um sich als Frau Respekt und Gehör zu verschaffen, sondern angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Lage auch wichtiger denn je für die journalistische Arbeit generell. In einem Plenumsbeitrag wurde der Druck angesprochen, der durch die sozialen Medien auf die journalistische Arbeit ausgeübt würde: „Das Netz spricht darüber, also machen es die Medien auch alle. Das führt zu einer monothematischen Verengung.“ Leopold sah als Grund hierfür nicht die sozialen Medien an: „Wir lassen uns vom Konkurrenzdruck treiben.“ Dem setzte Ine Dippmann die aktive Rolle der Journalistinnen entgegen und rückte deren eigenverantwortliches Handeln in den Mittelpunkt: „Es liegt doch in unserer Macht das zu ändern und zu sagen: ‚Nein, darüber berichte ich jetzt nicht.‘“

Klar schien am Ende eines zu sein: Damit Medienmacher und Medienmacherinnen anstatt Getriebene Lotsen sind, bedarf es auch selbstbewusster Journalistinnen. Leopold formulierte es schließlich so: „Frauen müssen mit mehr Eierstöcken in der Hose auftreten.“

Text: Ann-Kristin Schöne

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