25 Jahre 9/11

Der Tag, den niemand vergisst

von Stefan Wirner

Das Memorial an Ground Zero in New York City (Foto: AdobeStock/Alexander)
Das Memorial an Ground Zero in New York City (Foto: AdobeStock/Alexander)

Vor 25 Jahren ereignete sich der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte der USA. Die meisten Menschen dürften sich daran erinnern, wo sie sich am 11. September 2001 befunden haben und wie sie die Nachricht von den Angriffen aufs World Trade Center und das Pentagon erhielten. Wie haben Lokaljournalistinnen und -journalisten den Tag erlebt? Wir haben nachgefragt.

 

Katja Bauroth ist u.a. Head of Content bei HAAS Publishing.

Fassungslos im Chefbüro
Ich war damals in der Sportredaktion der Fuldaer Zeitung und ganz im Produktionsmodus, als mich die SMS eines Freundes aus Berlin erreichte: „Hast du das in New York mitbekommen?“ Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Irgendwann saßen wir alle fassungslos vor dem Fernseher im Chefbüro – und es fiel schwer, an diesem Tag einfach weiterzuarbeiten.

Besonders beklemmend war, dass ich nur zehn Tage später nach Südamerika flog, mit Zwischenstopp in New York. Aus dem Flugzeug sah ich den Rauch an der Stelle, an der die Zwillingstürme gestanden hatten. Beruflich hinterfrage ich seitdem gerade politische Entwicklungen noch stärker. Privat hat sich mein Reiseverhalten verändert: Früher war ich offen für Ziele überall auf der Welt – ganz so unbeschwert bin ich seither nicht mehr.

Katja Bauroth, Chefredaktion Wirtschaftsmagazin econo Rhein-Neckar und Head of Content HAAS Publishing

 

Thomas van Lengen ist Redakteur des Jeverschen Wochenblatts.

Nachhaltig eingebrannt
Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch Student in Göttingen. Ich hatte mich nachmittags gerade an meinen Schreibtisch in mein WG-Zimmer gesetzt und wollte lernen, als mein bester Freund Kai mich anrief. Er sagte mir, ich müsse unbedingt den Fernseher einschalten. Auf allen Kanälen sah ich dann nur einen rauchenden Turm, live.

Der Südturm des World-Trade-Centers war gerade eingestürzt. Immer und immer wieder wurden die Einschläge der Flugzeuge gezeigt. Ich habe die ganze Zeit mit Kai telefoniert, das Geschehen mit ihm zusammen erlebt und zwischen den Sendern hin- und hergeschaltet. Dann stürzte auch der Nordturm ein. Das hat sich sehr nachhaltig eingebrannt. Vor allem auch das, was sich später abspielen sollte – die Rache, die Vergeltung bis hin zur Tötung von Osama bin Laden.

Ob ich entsetzt war? Definitiv. Für eine ganze Weile hatte sich auch ein Unsicherheitsgefühl in mein Leben eingeschlichen. Terror kann überall und zu jedem Zeitpunkt stattfinden. Das ist schließlich auch das, was Gruppen wie al-Qaida mit ihren Anschlägen zu erreichen versuchen. Angst schüren, Schrecken verbreiten. Seitdem sehe ich aber auch die USA sehr viel kritischer, gerade weil sich ihre Politik im „Krieg gegen den Terror“ stark gewandelt hat. Heutzutage haben die Vereinigten Staaten auch deshalb als Reiseziel für mich sämtlichen Reiz verloren. Die Unsicherheit indes ist längst verflogen.

Thomas van Lengen, Redakteur des Jeverschen Wochenblatts

 

Kornelius Fritz ist Redaktionsleiter der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung.

Kurz vor der USA-Reise
Am 11. September 2001 war ich Volontär bei der Eßlinger Zeitung. Ich hatte mir in der Mittagspause einen Florida-Reiseführer gekauft, weil ich am Tag davor einen USA-Urlaub gebucht hatte. Als am Nachmittag die Twin Towers einstürzten, drängte sich die ganze Redaktion um einen kleinen Fernseher im Büro des Lokalchefs. Es herrschte große Aufregung, aber es ging auch sofort um die Frage, wie wir im Lokalteil auf die Ereignisse in New York und Washington reagieren sollten. Eine Kollegin gelang es dann tatsächlich noch, ein paar Amerikaner ausfindig zu machen, die gerade zufällig in Esslingen waren. Ich selbst bin wenig später wie geplant nach Amerika gereist. Dort war der Schock noch deutlich zu spüren. Die Hotels in Florida waren fast leer, und überall hingen US-Fahnen und patriotische Sprüche. Die Eindrücke von dieser Reise habe ich nach meiner Rückkehr in einer Reportage geschildert.  

Kornelius Fritz, Redaktionsleiter der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung

 

Tanja Köhler ist Chefredakteurin Kieler Nachrichten (Fotocredit: Axel Heimken/Kieler Nachrichten).

Auf dem Weg zur Fahrschule
Während in New York die Welt aus den Fugen geriet, saß ich in einem Büro und bekam erst einmal nichts mit. Ich steckte im zweiten Lehrjahr meiner kaufmännischen Ausbildung, arbeitete meine To-dos ab. Es lief kein Radio, Pushmeldungen waren noch nicht erfunden, niemand hatte News-Seiten geöffnet. Der Stillstand und die Fassungslosigkeit? Überall – nur eben nicht in dem kleinen Ingenieurbüro. Die Nachricht erreichte mich erst nach Feierabend. Im Auto. Auf dem Weg zur Fahrschule. Abends dann sah ich die unfassbaren Bilder im TV. Visuell derart wuchtig, als stünde man selbst in Manhattan.

Mit Journalismus hatte ich damals noch nichts am Hut. Heute weiß ich einmal mehr zu würdigen, was die Live-Reporterinnen und -Reporter vor 25 Jahren vor Ort geleistet haben. Sie berichteten von einer Ausnahmesituation, obwohl sie selbst vollkommen überwältigt gewesen sein mussten. Sie haben die Welt mitgenommen, auf eine visuelle Art und in einer Schnelligkeit, die es so zuvor nicht gab. War alles presserechtlich fein? Mitnichten. Aber es lehrt uns, Regierungsnarrativen in den Tagen nach Anschlägen bewusster kritisch zu hinterfragen und sich nicht vereinnahmen zu lassen.

Meinen persönlichen und beruflichen Weg hat dieser Tag nicht unmittelbar auf den Kopf gestellt. Was sich jedoch unweigerlich eingebrannt hat, ist ein geschärftes Bewusstsein dafür, jeden Moment wertzuschätzen und die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Denn wer wie ich an 9/11 einen Bekannten in New York hatte, dem wird unmissverständlich klar, wie schnell aus einem Alltag eine Katastrophe werden kann. Mein Bekannter hatte Glück. 24 Stunden früher hätte es anders ausgesehen.

Tanja Köhler, Chefredakteurin Kieler Nachrichten

 

Thomas Webel ist Redakteur Oberpfalz Medien.

Umfrage in Garching
Am 11. September 2001 saß ich nachmittags in einer Lokalredaktion der Süddeutschen Zeitung, für die ich als freier Mitarbeiter arbeitete. Ich stand am Anfang meiner journalistischen Laufbahn und studierte nebenbei. Vermutlich schrieb ich gerade über einen Bauausschuss oder über eine Jahreshauptversammlung eines Vereins. Dann kam ein Redakteur in den Raum und sagte: „Schaltet den Fernseher an. NTV.“

Wir begriffen nicht, was wir da sahen. Es hieß, ein Flugzeug, vermutlich eine Cessna, sei in den Nordturm des World Trade Centers eingeschlagen. Wir rätselten, wie ein solcher Unfall passieren konnte. Dann sahen wir live im Fernsehen, wie ein zweites Flugzeug in den Südturm einschlug. Fassungslosigkeit machte sich breit. Niemand konnte begreifen, was da geschah. Gleichzeitig setzte sich die Erkenntnis durch, dass dieses Ereignis die Welt verändern würde.

Noch bevor die dritte Maschine ins Pentagon stürzte, setzten die journalistischen Reflexe ein. In einer Lokalredaktion bedeutet das vor allem eines: regionalisieren. Ein Weltereignis auf die eigene Region herunterbrechen. Kennen wir Menschen, die sich gerade in New York aufhielten? Könnten Menschen aus dem nördlichen Landkreis München unter den Opfern sein? Und: Was denken die Menschen vor Ort über die Ereignisse? Das bewährte Mittel dafür war die Straßenumfrage. Und die macht in Redaktionen meist der jüngste Kollege, der am weitesten unten in der Hierarchie steht. Also ich.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich in Garching im nördlichen Landkreis München auf der Straße und sprach mit Passanten über die Anschläge. Viele hatten zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von den Ereignissen erfahren. Für einige von ihnen war ich der Erste, der ihnen von den Anschlägen erzählte. Die Reaktionen waren durchweg dieselben: Unglauben, Schock und Fassungslosigkeit.

Rückblickend mag es viel über unseren westlich geprägten Blick auf die Welt aussagen. Doch die Anschläge von New York berührten mich und viele der Menschen, mit denen ich sprach, deutlich mehr als andere Terroranschläge zuvor. Bis dahin schien Terrorismus für viele etwas zu sein, was andernorts geschah. Ereignisse, bei denen in der Tagesschau Karten vom Nahen Osten eingeblendet wurden. Nichts, das in westlichen Ländern geschah, in die man reiste, aus denen man Menschen kannte oder mit denen man sich kulturell verbunden fühlte. Am 11. September 2001 änderte sich das schlagartig.

Thomas Webel, Redakteur Oberpfalz Medien

 

Gwyn Nissen ist Chefredakteur des Nordschleswigers

Ungläubig vor dem Fernseher
Ich war damals in der Lokalredaktion der dänischen Regionalzeitung JydskeVestkysten in Apenrade/Aabenraa. Ich erinnere mich, dass wir alle ungläubig vor dem Fernseher standen und über Stunden die Geschehnisse verfolgten. Es wurde an dem Nachmittag nicht viel gearbeitet. Abends habe ich für einen Bericht dann noch einen alten Bekannten in New York angerufen. Es war alles sehr unwirklich.

Wenn ich heute zurückblicke, war alles damals sehr umständlich. Das Internet war nicht wirklich ausgebaut, so wie wir es heute kennen, und das Live-Fernsehen war nah an den Geschehnissen. Heute wäre es medial ganz anders gelaufen – wir wären alle näher dran über Fernsehen, soziale Plattformen, direkte Mails, Nachrichtenseiten. Wenn ich zurückdenke, dann war 9/11 ein Wendepunkt. Die Gefahrenlage eskalierte, und die Welt wurde für viele etwas unsicherer.

Gwyn Nissen, Chefredakteur Der Nordschleswiger (Medienhaus der deutschen Minderheit in Dänemark)

 

Tim Schweiker ist Redaktionsleiter der Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung.

Im Sommerurlaub
Ich war damals mit meiner Familie im Sommerurlaub auf einem Bauernhof in Kärnten. Die Hauswirtin rief uns plötzlich ganz aufgeregt zu sich in die Küche und zeigte kopfschüttelnd auf den Fernseher. Kurz darauf stürzte der erste Turm ein. Die Situation war komplett surreal, und dieses seltsame Gefühl hat noch lange angehalten.

Die Folgen des 11. September waren schnell auch im Lokalen spürbar. Kurz nach den Anschlägen wurde diskutiert, ob das Cannstatter Volksfest abgesagt werden sollte. Eine Absage hätte für eine Festwirtfamilie aus unserem Verbreitungsgebiet wohl das wirtschaftliche Ende bedeutet. Sie hatte erst kurz vorher viel Geld in das Fest investiert und einige schlaflose Nächte.

Tim Schweiker, Redaktionsleiter der Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung

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