Zeitungssterben

Echo eines angekündigten Todes

von drehscheibe-Redaktion

Die Insolvenz der Frankfurter Rundschau hat die deutsche Medienwelt geschockt. Mit der FR würde eine Tageszeitung sterben, die die Presselandschaft der Bundesrepublik nach dem Krieg entscheidend mit geprägt hat. Dementsprechend zahlreich waren die Kommentare. Manche versuchen, den Niedergang des Blatts vor allem mit Fehlern des Verlags-Managements zu erklären, andere sehen das Modell Tageszeitung als solches in Frage gestellt. Manche wagen einen Ausblick in die Zukunft. Eine Presseschau.

Zu den Gründen

Fragliches Konstrukt Tageszeitung

Wenn Zeitungen den Niedergang anderer Zeitungen erklären oder kommentieren sollen, liegt der Niedergang wahlweise an: 



  1. der (angeblichen) Kostenloskultur der Internetnutzer 

  2. der Abwanderung von Anzeigenkunden ins Netz

  3. an schlechtem Verlagsmanagement
  4. 
der angeblich mangelnden Investitionsbereitschaft von Verlagen und Verlegern, oder neuerdings
  5. 
an Smartphones, die in die Zeitbudgets der Zeitungsleser schneiden.



Das inzwischen fragliche journalistische Konstrukt namens Tageszeitung wird selbst jedoch äußerst selten als Grund genannt. Entsprechend unreflektiert wird in Deutschland auch versucht, Tageszeitungen eins zu eins als Apps zu verkaufen; als ob Zeitungsleser sich nur vom Trägermedium Papier ablösen würden und nicht zuallererst vom journalistischen Konstrukt einer Tageszeitung. 

Die Frankfurter Rundschau zu verlieren, wäre ein großer Verlust. (Als Student war sie meine erste überregionale Tageszeitung). Diese erste Schließung einer überregional bedeutsamen deutschen Tageszeitungen aber nur mit Argumenten aus dem Stehsatz zu erklären, wäre nicht nur zu bequem, sondern auch eine vertane Chance. 

Auch viele Tageszeitungen könnten eine Zukunft haben. Aber nur, wenn sie das Netz nicht als ihren Feind empfinden.

Wolfgang Blau, Chefredakteur Zeit-online, auf Facebook.

Technokratische Hürden

Erstens, das war ein Befreiungsschlag, was da am Dienstag passiert ist, der Insolvenzantrag. Man konnte ja schon nicht mehr mit anschauen, in welchen Unsummen da jedes Jahr Geld verbrannt wurde, um etwas, ja was eigentlich, am Leben zu erhalten. Die Insolvenz bietet nun eine gute Möglichkeit, alles neu zu ordnen.

Da ist dieses traditionsreiche Druckhaus in Neu-Isenburg, in dem neben der FR auch Teilauflagen anderer überregionaler Tageszeitungen gedruckt werden. Das wird für eine neue FR nicht mehr gebraucht. Es steht ohnehin auf Abriss, weil die Zeitungsauflagen dramatisch fallen, Aufträge auslaufen und von den anderen großen Verlagen neu disponiert werden.

Zweitens, auch das wäre ein Befreiungsschlag für die FR: Man könnte endlich weg von dem blöden Tabloidformat, das das Lesen der FR in Frankfurt mit mehreren lokalen und regionalen herauszunehmenden Zeitungsteilen zum Akrobatikakt macht.

Karl-Heinz Ruch, Verlagsgeschäftsführer der taz, im taz-Blog.

Falsches Moralisieren

Kaum jemand, der in den letzten zehn Jahren sein Print-Abo einer Tageszeitung gekündigt hat, wollte damit böswillig dem Verlag oder der Demokratie schaden. Sondern der Nutzen hat nicht mehr gestimmt, aus welchem Grund auch immer. Am häufigsten habe ich im Bekanntenkreis gehört, man habe die Zeitung abbestellt, nachdem man realisiert hatte, dass sie über Monate weitgehend ungelesen ins Altpapier gewandert war.

Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien bei der NZZ-Mediengruppe, auf seiner Internetseite.

Betriebswirtschaftliche Fehler

Ganz sicherlich sind schon vor vielen Jahren, noch unter der alten Regie, der Gerold-Stiftung, enorme betriebswirtschaftliche Fehler gemacht worden - die Positionierung am Markt und anderes mehr. Die Schwierigkeit war, eine Zeitung überregional zu führen, die aber überregional nicht die große Leserschaft hatte, also eigentlich im Kern eher eine regionale Zeitung ist; diese aber bundesweit anbieten zu müssen, mit einem dementsprechenden Kostenapparat.

Zeitungsforscher Horst Röper im Interview auf Newsroom.de.

Nicht mehr ernst genommen

Natürlich sind alle Tageszeitungen durch die Konkurrenz des Internets in ihrem Geschäftsmodell strukturell bedroht, aber bei der FR hatte man nicht mehr das Gefühl, dass das Blatt überregional ernst genommen wurde, obwohl es an den Kiosken lag. Es fällt auch auf, wie selten man Leute trifft, die sagen, hast du den und den Artikel in der Rundschau gelesen? Schöpferische Konkurrenz auch im Medienkapitalismus, bitter, aber wahr.

Medienforscher Lutz Hachmeister im taz-Interview

Die Schuld der Verlage

Die Rundschau ist aber kein Einzelfall. Anstatt neue Geschäftsmodelle zu ergründen, massiv im Netz zu investieren oder sich vielleicht selbst an profitablen digitalen Anzeigenmärkten zu beteiligen – wie es etwa der Holtzbrinck-Verlag (Die Zeit) mit der Partnervermittlung Parship.de tat – setzten viele Verlagshäuser allein auf den Stellenabbau.
Der Trend betrifft mittlerweile ganz Deutschland: Immer weniger Journalisten müssen immer mehr Aufgaben übernehmen. Gab es im Jahr 2000 noch 15.306 Redakteure bei Tages- und Wochenzeitungen, waren es 2012 nur noch 13.516. In jenem Jahrzehnt aber kamen unzählige neue Onlinemedien hinzu.

Mit Verlaub: Glaubten die Verlage tatsächlich, sie könnten ihren Lesern billigere, schlechter recherchierte Zeitungen anbieten? Hofften sie wirklich, diese würden den publizistischen Einheitsbrei, der nun überall serviert wurde, klaglos schlucken? Wie blöd kann man eigentlich sein?

Die Autorin Petra Sorge auf Cicero.de.

Alleinstellungsmerkmal verloren

Das Schicksal der traditionsreichen „FR“ erzählt eine tragische Geschichte vom Aufstieg und Fall einer publizistischen Macht in Deutschland. Aber die „FR“-Story ist kein klassisches Symptom für die viel beschworene Printkrise. Sie ist nicht allein am veränderten Medienverhalten gescheitert, also daran, dass Werbetreibende ihre Budgets ins Netz umschichten, sondern am Ende auch an ihrer unklaren Ausrichtung (regional oder überregional?) und am gesellschaftlichen Wandel. Sie verlor schlicht ihr Alleinstellungsmerkmal. Und erfand sich nicht rechtzeitig als Regionalzeitung neu.

Imre Grimm, stellvertretender Ressortleiter der „Welt im Spiegel“-Redaktion und verantwortlich für die Medienseiten in der Hannoverschen Allgemeinen.

Aussichten

Deutsche Huff-Post

Die Rundschau könnte zur deutschen Huffington Post werden! (Und sie könnte dabei praktischerweise sogar grün bleiben.) Die Investitionssumme wäre gering wie der Verlag L’Espresso in Italien vorgemacht hat. Und der Verhandlungsspielraum gegenüber Huff Post Eigentümer AOL wäre groß, nachdem die Amerikaner mit mehreren potenziellen Partnern wie Spiegel, Süddeutsche oder Focus nicht ins Geschäft kamen. Eine erste Onlineausgabe der Huff Post Frankfurt würde wahrscheinlich mit größerer Spannung erwartet als dereinst das erste Farbfoto auf der Titelseite der FAZ.

Peter Littger, Deutschland-Direktor der Beratungsunternehmens Innovation Media Consulting, auf Meedia.de.

Das Ende der Tageszeitungen

Tageszeitungen sind – man muss das in den Endzeittagen der FR und wohl auch der FTD nochmal festhalten – eine sterbende Gattung. Das hat nichts mit dem Datenträger zu tun, auch eine als PDF für Tablets ausgespielte Tageszeitung ist erst einmal nichts anderes als eine Tageszeitung. Sie folgt all ihren Prinzipien, die vor 20 Jahren noch relevant waren, inzwischen aber aus einer Reihe von Gründen schlichtweg überholt sind. Die Idee, die die meisten von ihnen immer noch mit erstaunlicher Konsequenz verfolgen, lautet: Wir fassen den gestrigen Tag zusammen. Wenn es nicht so viele immer noch tun und nicht dauernd daraus eine Grundsatzdebatte über das Internet entfachen würden, müsste man es nicht ausdrücklich betonen — so aber bleibt nichts anderes übrig als das nochmal zu sagen: Die Idee ist überholt, nicht so sehr das (Träger-)Medium als solches.

Der Blogger Christian Jakubetz auf seinem Blog.

Paywalls als Lösung?

Ein Gegenmittel gegen die Seuche probieren immer mehr Verlage aus: Sie verordnen sich quasi stärkere Abwehrkräfte, in dem sie ihre Online-Angebote nur noch gegen Bezahlung rausgeben. 2013 wird das Jahr der Paywalls werden, so viel kann man jetzt schon mal sagen. Spätestens wenn Springer seine Ankündigung umsetzt, bild.de teilweise kostenpflichtig zu machen, wird das Thema die breite Masse der deutschen Netznutzer erreichen. Und wie wir wissen, sind Springer nicht die einzigen, die laut über eine Paywall nachdenken. Und auch auf dem regionalen Markt werden die Paywalls kommen – oder sind schon da, wie in Hannover, in Trier, in Saarbrücken oder Hamburg.

Ob sich die grassierende Seuche damit wirklich stoppen lässt, wird man vermutlich erst fünf oder zehn Jahre später wirklich beantworten können. Ich glaube, Bezahlinhalte nach klassischer Denkweise, also Abonnementzugänge für bestimmte Webangebote, werden meist bestenfalls eine lebensverlängernde Maßnahme werden, keine rettende. Wer, wie ich, zumindest schon einmal in seinem Leben ein Zeitungsabo abgeschlossen hat, für den ist der Gedanke, sich auch im Netz ein Medienangebot zu abonnieren, nicht unnormal. Doch wer eher damit aufwächst, sich auf iTunes alle möglichen Medien nach Wunsch ganz individuell zusammenstellen zu können, wird mit diesem Konzept seine Probleme haben. Ob die Generation der jetzt unter 25-Jährigen ernsthaft Online-Abos abschließen wird, wage ich zu bezweifeln. Am Ende übrigens wird auch das wahrscheinlich zum großen Teil von einem Faktor abhängen: Sind die Inhalte es wert?

Moritz Meyer auf carta.info.

Wir sind längst durchdigitalisiert

Was soll eigentlich diese Ablehnung neuer Kanäle? Ist unsere Welt nicht längst durch und durch digitalisiert? Müssen wir uns als Anbieter nicht dort attraktiv und wertvoll präsentieren, wo unsere Kunden (jedenfalls der nachwachsende Teil) längst sind? Und dürfen wir dafür dann nicht auch Geld verlangen von den Usern/Lesern? Auch wenn Netz-Vordenker und Zeitungs-Totredner wie Christian Jakubetz (Ich weiß, eigentlich meinst Du es ja gut mit uns, Christian) die Paywall ablehnen („Bezahlschranke runter und alles wird gut, das ist das aktuelle Mantra“). Ich finde sie richtig, denn immer noch gilt: Was nichts kostet, ist nichts wert. Entscheidend ist, dass das was wir an Inhalten anbieten, auch – verlässlich – so relevant ist, dass es sich lohnt, dafür Geld auszugeben. Sonst werden die potenziellen Kunden schnell wieder weg sein. Ein Klick reicht.

Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen kuriers, auf seinem Blog

Neue Modelle finden

In Skandinavien werden Zeitungen über Stiftungen unterstützt. Wir müssen überlegen, wie wir durch neue Modelle Zeitungen erhalten können. Diese und andere Überlegungen sind nicht neu. Aber bevor wir keine Zeitungslandschaft mehr haben, muss man überlegen, wie man sie mit anderen Modellen erhalten kann. Wir müssen eingreifen, wenn der Markt versagt. Wir werden eine Zeitung, die nicht mehr existiert, nicht mehr zurückholen können.

Michael Konken, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbands, im taz-Interview.

Am Ende bleibt Geschwätz

So oder so sollte das ungewisse Schicksal der Frankfurter Rundschau einer an die Gratismasche der digitalen Welt gewöhnten Gesellschaft Anlass zum Nachdenken darüber geben, was ihr unabhängige Zeitungen und eine Vielfalt der Stimmen wert sind. Die Basislektion lautet: Gratismahlzeiten gibt es nicht. Wer für guten Journalismus nicht gutes Geld ausgeben will, liefert sich dem Kommerz und den Suchmaschinen aus, die gierig sind auf unsere Daten. Und wenn die letzte anständige Zeitung verschwunden ist, bleibt nur noch das Geschwätz.

FAZ-Herausgeber Werner d’Inka in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Polarisierte Debatte beenden

Dieser Moment fordert digitales Umdenken und Denken. Welche neuen Möglichkeiten haben wir schon außer dem Netz? Es wird Zeit, die im Wortsinn schwachsinnige polarisierte Debatte über das Internet und den Journalismus an sich zu beenden. Das Netz wird natürlich nie mehr verschwinden. Es ist real, und im realen Leben gibt es kein Strg-z. Den Journalismus in die neue Zeit zu retten, geht nur mit dem Netz, nicht dagegen – dieser Pragmatismus sei jenen Kollegen dringend empfohlen, die ernsthaft heute noch glauben: Wenn im Internet nicht so viel guter Stoff stünde, ginge es zum Beispiel Zeitungen und Zeitschriften besser. Im Internet steht immer guter Stoff, und besser ist es, der gute Stoff stammt von einem selbst. Dann hat man eine Chance bei den Millionen Lesern, die das Netz nutzen. Was für ein Potential!

Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de, auf seinem Blog

Der Kunde ist King

Zunächst einmal würde ich damit beginnen, den Kunden wieder als Kunden zu behandeln und nicht als Klickvieh. Das klingt banal, wird aber noch immer nicht getan. Hand aufs Herz: Interessiert es die Verleger denn wirklich, was der Leser online will und wofür er bereit wäre, Geld auszugeben? Geht es ihnen wirklich um den Qualitätsjournalismus, oder nicht vielmehr um die Bewahrung alter Geschäftsmodelle?

Der Blogger Richard Gutjahr auf seinem Blog

Qualitätsjournalismus muss gerettet werden

Was über die Krise gerettet werden muss, ist nicht notwendig die Zeitung auf Papier, sondern die Zeitung als Produkt, der Qualitätsjournalismus mit seinem intellektuellem Reichtum und seiner politischen Schärfe. Diese Gesellschaft ist viel zu komplex, viel zu angewiesen auf Analyse und Kritik, um auf eine reichhaltige Presse verzichten zu können.

Der Publizist Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung

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