Making-of

Hashtag Zuhause

von Gastautor

Die Jury des Nova Innovation Awards der deutschen Zeitungen hat aus fast 50 Einreichungen die neun besten nominiert. Darunter das crossmediale Stadtteilprojekt #meingoho der Nürnberger Nachrichten. Redaktionsleiter Andreas Franke hat für die drehscheibe ein Making-of geschrieben.

Am Anfang stand die Frage, wie wir noch näher an unsere Leser und User herankommen. Zum anderen wollen wir verstärkt Nichtleser erreichen und zeigen, dass wir nicht nur Zeitung können (Imagetransfer). Von Beginn an war klar, dass wir ein crossmediales Projekt planen: von der klassischen Serie in der Tageszeitung über einen eigenen Webauftritt mit Quiz, Timeline, vielen Fotos, Filmporträts, Gastro- und Einkaufstipps und einem virtuellen Flug über den Stadtteil, mit einem speziellen Instagram-Account bis hin zu einem gedruckten und kostenpflichtigen Magazin. Ein wesentlicher Ausgangspunkt war, dass wir die GoHo-Geschichten über Filmporträts transportieren wollen. Und wir haben uns gefragt, ob wir Veranstaltungen und zusätzliche Produkte anbieten können.

Die Idee

Wir wollten uns gezielt einen Stadtteil herausgreifen, der auch über Nürnberg hinaus bekannt ist. Die Wahl fiel auf Gostenhof (GoHo). Das Quartier ist, gerade auch nach Stadtteilsanierungen in den 80ern, hip: Künstler, Kreative zieht es hierher, ungewöhnliche Läden haben eröffnet, zahlreiche Nürnberger und Besucher aus der Region kommen wegen der coolen Gastroszene. Hier leben Alteingesessene und junge Menschen (Studierende) und Familien, hier wohnen viele Menschen mit Migrationshintergrund. Also Menschen, die nicht mehr unbedingt die Printausgabe der Zeitung lesen, wohl aber an der Entwicklung ihrer Umgebung interessiert sind. Der Druck auf den Wohnungsmarkt (und damit auf die Miet- und Kaufpreise) ist hoch; manche sagen besonders hoch, weshalb der Stadtteil immer wieder als Beispiel für Gentrifizierung zitiert wird. Als Arbeitstitel (und letztlich als Projekttitel) hat sich schnell „#meingoho“ etabliert. Ähnliche Viertel, die multimedial porträtiert werden könnten, gibt es sicher in jeder Stadt.

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Die Umsetzung

Wir haben im März 2018 zunächst in einem kleinen Team aus Lokal- und Onlineredaktion sowie Redaktionsservice Bewohner aus Gostenhof gesucht, deren Geschichten wir erzählen wollten. Von Anfang an waren aus dem Verlag auch Marketing, Vertrieb und Anzeigenabteilung mit dabei. Parallel dazu hat mein Kollege und unser Online-Leiter, Matthias Oberth, über die Hochschule Ansbach den Filmemacher David Ferstl für die Porträts engagiert (als Werkstudent), der auch seine Masterarbeit über #meingoho schreibt. Wir haben uns auf sechs Filmporträts verständigt. Als fixen Termin hatten wir uns den 5. Dezember 2018 gesetzt, an dem in einem Kino in Gostenhof die Filme gezeigt und das Magazin vorgestellt werden sollten. Dieser Termin war für das Projekt sehr wichtig, als Ziel, auf das alle hinarbeiten mussten.

Wir haben uns drei Projektpartner (bekannte Firmen aus dem Stadtteil) ins Boot geholt. Außerdem konnte eine Textildesignerin aus Gostenhof gewonnen werden, die exklusiv für das Projekt ein Logo für ein T-Shirt entworfen hat. Das – sowie einen Kaffee-Becher mit dem Logo und #meingoho – haben wir ebenfalls ab dem 5. Dezember in den Verkauf gebracht.

Parallel wurden die Filme, betreut von jeweils einer Redakteurin/einem Redakteur, und die Zeitungsserie (elf Teile, die im November erschienen sind) produziert, das Heft vom Redaktionsservice gelayoutet und die Magazinbeiträge verfasst. Letzteres war Neuland für alle. Archivmitarbeiter haben das Material für die Timeline bereitgestellt, Online-Kolleginnen und -kollegen haben das Quiz entwickelt und den virtuellen Google-Flug „gebaut“. Wir hatten bei dem ganzen Projekt Unterstützung von Google News Lab sowie von Franz Feyder und Marco Maas vom Netzwerk Medientrainer, die uns wertvolle Tipps gaben. Für unseren Instagram-Account haben wir über Wochen Fotos aufgenommen und gepostet. Aus der Nürnberger Foto- und Instagramszene wurden Teilnehmer für einen Insta-Walk durch Gostenhof gewonnen, bei dem die Gruppe Fotos vom Stadtteil machte und unter dem Hashtag #meingoho postete.

Über viele Wochen waren die Kolleginnen und Kollegen immer wieder im Stadtteil unterwegs. Neben zwei Kinopräsentationen der sechs Filmporträts im Dezember gab es zwei weitere im Januar 2019. Außerdem hat die Redaktion an zwei Nachmittagen bzw. Abenden einen Veranstaltungsraum im Viertel für „Barfreitage“ gemietet und das Projekt #meingoho mit den Bewohnern Gostenhofs diskutiert.

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Feedback 

Das Projekt ist im Stadtteil zunächst einmal teils misstrauisch, teils neugierig aufgenommen worden. „Warum richtet ihr den Scheinwerfer auf ein Quartier, das doch schon bekannt ist?“, lautete eine Frage. Die Autonomen, die in dem Viertel ihre Zentrale haben, werfen uns sogar vor, durch #meingoho die Mieten noch weiter nach oben zu treiben. Sie haben den Gegenhashtag #unsergoho ins Leben gerufen. Was zeigt: Über unser Projekt wurde und wird lebhaft diskutiert. Viele Gostenhofer waren indes froh, dass ihr Stadtteil einmal ganz anders beleuchtet wurde. In den vergangenen Jahren ging es immer nur um Mietwucher, Auseinandersetzungen und Demos der Autonomen. Manche Bewohner sorgten sich um den Ruf des Quartiers. Filme, Magazin, Website, Zeitungs­serie, Veranstaltungen, dies alles habe – so das Lob – das Quartier aufgewertet. Das Magazin wurde über 4.000 Mal verkauft, die Veranstaltungen waren gut besucht, wir haben neue Leute kennengelernt – und diese uns. Ein örtlicher Kulturschaffender lobte via Facebook-Post das #meingoho-Magazin: „Über Ihr Magazin wird nicht aufgrund der Konzeptidee an sich diskutiert, sondern aufgrund der Beiträge. Ihr Magazin fordert die Menschen auf, über unsere Stadtteilidentität – oder besser gesagt ­-identitäten – zu sprechen. Es lässt die von Ihnen angesprochene Zielgruppe nicht kalt.“ Und der offene Brief beinhaltet auch den folgenden bemerkenswert-schönen Satz: „Ich verbeuge mich vor dieser Leistung. Wieder einmal wird vor Augen geführt, wie anspruchsvoller lokaler Journalismus unsere Stadtgesellschaft vor Einheitsbrei und Oberflächlichkeit bewahrt. Sie erlauben uns ­Zwischentöne (...) Sie helfen uns, über den Tellerrand zu schauen.“

Fazit 

Solch ein Gostenhof gibt es, wie gesagt, sicher auch in anderen Städten. Das Projekt lässt sich gut übertragen. Es schreit natürlich geradezu nach einer Fortsetzung. In anderen Stadtteilen, in anderen Städten unseres Verbreitungsgebiets. Aber auch für andere Projekte haben wir durch #meingoho viele Erfahrungen sammeln können; sei es in der internen Zusammenarbeit, sei es beim Magazin-Machen, die neue Website mit ­einem Trailer und den sechs Filmporträts oder eben die Arbeit mit einem Filmemacher – auch das Neuland für uns.

Link

Hier geht es zum Themenarchiv #meingoho.

Hier zu den Nominierten des Nova Innovation Awards.

Andreas Franke

leitet die Lokalredaktion der Nürnberger Nachrichten.

Matthias Oberth

leitet die Online-Redaktion der ­Nürnberger Nachrichten.

Dieser Beitrag erschien erstmals in Ausgabe 04/19 der drehscheibe.

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