Making-Of

„Ich wollte, dass das Unbeschwerte rüberkommt“

von Marie Lampert

Wie Julia Pennigsdorf sich entschloss, ihre Geschichte zu erzählen, wie es war, „ich“ zu sagen, und was sie von ihren Leserinnen und Lesern zurückbekam, erzählt sie im Interview.

Frau Pennigsdorf, als die Meldung über die Brustamputation von Angelina Jolie durch die Presse gegangen ist – haben Sie den Kollegen bei der HAZ gleich Ihre Geschichte angeboten?

Nein. Ich habe die Meldung gelesen und fand es beeindruckend, dass Jolie damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Es hatte aber auch etwas Ambivalentes. Es kam mir so typisch hollywoodmäßig inszeniert vor. Gleichzeitig hat es mich aber auch einfach gefreut, dass das Thema Brustkrebs, von dem so viele Frauen betroffen sind, breit diskutiert wird. Es geht um so viele Frauen, nicht nur um die, die erkranken, sondern auch ihre Schwestern, Mütter, Töchter und natürlich auch die Männer in den Familien.

Wie kam Ihre Geschichte in die Zeitung?

Ich arbeite frei und bekam an dem Tag einen Anruf von der Redaktion „Digitale Welten“, die das Magazin „sonntag“ herausbringt und ebenfalls zur Mediengruppe Madsack gehört. Die Frage war, wie man Angelina Jolie und das Thema aufziehen könnte. Der Kollege wusste nichts von meiner persönlichen Geschichte. Das Gespräch entwickelte sich dahin, dass alle fanden, es wäre gut, eine Protagonistin zu finden, die in der gleichen Situation ist. Jemanden, der vor der Entscheidung stand, so einen Gentest zu machen. Es folgte dann die Feststellung, dass es ja verdammt schwierig sei, an so jemanden kurzfristig ranzukommen. Da musste ich natürlich ein wenig grinsen.

Sie haben die Kollegen zappeln lassen?

Nein, ich hab mir das erst einmal nur angehört und es in meinem Herzen bewegt. Und dann relativ schnell gesagt, dass ich selber betroffen bin und mir vielleicht auch vorstellen könnte das aufzuschreiben. Und dass ich eine Nacht drüber schlafen möchte, um sicher zu sein, dass ich das wirklich will.

Sie wollten. Und sogar als „ich“.

Es war eine Überlegung, ob ich die Ich-Perspektive wähle. Ich hab damit erst Probleme gehabt - stilistisch. Ich habe schon einige Ich-Texte gelesen, die mich nicht überzeugt haben. Das „Ich“ hat sich komisch angefühlt. Ich hab mich gefragt, ob es trägt, habe es mit einem Kollegen besprochen und dann gemerkt: Alles andere wäre künstlich, kompliziert und gewollt gewesen. Die Tatsache, etwas sehr Privates von mir preiszugeben, hat sich dagegen von Anfang an recht gut angefühlt, weil ich wusste, dass ich die Fäden in der Hand habe.

Und wie lief es beim Schreiben?

Nachdem ich es im Kopf klar hatte, war es einfach. Den Text habe ich in eineinhalb Stunden runtergeschrieben. Es flutschte - in einer Art und Weise, wie ich es selten erlebt habe. Jeder, der schreibt, kennt das ja: Man quält sich mit Sachen, von denen man nicht gedacht hatte, das man sich quält, und andere laufen unkompliziert, obwohl man dachte, es könnte schwierig werden. Ich hab den Text dann als erstes meinem Mann geschickt. Er ist auch Journalist. Er schrieb zurück: Super, kein Wort ändern. Ich bin manchmal eine Verschlimmbesserin, die kein Ende findet. Aber ich habe dann wirklich alles genau so gelassen.

Ihr erster Satz lautet: „Als meine Mutter an Brustkrebs erkrankte, war sie so alt wie ich heute.“ Flutschte der auch einfach so aus Ihnen raus?

Über den Einstieg habe ich schon eine Weile nachgedacht. Ich bin auf einen Lokaltermin gefahren, morgens, habe an der Ampel gestanden und überlegt. Ich hatte schon einen Anfang, den hatte ich auf einen Post-it-Zettel gekritzelt. Und dann an der Ampel fiel mir dieser ein. Den hab ich dann auch schnell aufgeschrieben. Ich fand ihn besser.

Hatten Sie so was wie eine Kernaussage im Kopf?

Ich wollte auf jeden Fall transportieren, dass ich nicht ständig Angst habe. Ich lebe genauso unbeschwert wie andere auch. Es gibt Menschen, die wesentlich hypochondrischer sind und immer denken, sie werden krank. Ich bin da sehr optimistisch und wollte, dass das Unbeschwerte rüber kommt. Das war mir fast das Allerwichtigste, weil das meinem Lebensgefühl entspricht.

Sie machen ein schweres Thema leicht.

Ja, vielleicht entspricht mir das. Meine Unterlagen musste ich erst aus der Schublade holen und die Chronologie nachsehen. Diese Schublade ist sonst zu. Ich hatte auch einiges schon wieder vergessen. Hinzu kommt, dass ich mich in der MHH (Medizinische Hochschule Hannover, d. Red.) sehr gut betreut gefühlt habe. Die Ärztin, die den Stammbaum erstellt und die Botschaft überbrachte, hat sich viel Zeit genommen und war sensibel. Von daher kam da kein bitterer Zungenschlag in die Geschichte.

Sie sind an der Stelle großzügig mit Adjektiven: „ ältere unwirsche Herren ...  schummrige Behandlungszimmer ... flirrende Monitore“ – sind die im Fluss des Schreibens mitgeschwommen?

Nein, über alle diese Beispiele hab ich nachgedacht. Ich wollte die Stimmung transportieren, dass es bei aller Fachkompetenz der MHH ein Scheiß-Gefühl ist, einen Tag dort zu verbringen. Und das liegt nicht nur in der Natur der Sache, sondern auch an Rahmenbedingungen. Und das macht mich wütend. Meine Mutter wurde in Krankenhäusern behandelt, da war die Onkologie im Keller. Die Räumlichkeiten waren eine Unverschämtheit. Das ist in der MHH so schlimm nicht, aber ich finde jedes Mal, wenn ich da bin, dass man das anders machen könnte und müsste, vor allem, wenn man bedenkt, dass da Menschen sind, denen es sowieso schon schlecht geht. Der menschliche Umgang müsste sensibler sein, die Räume heller, die Wartezeiten kürzer, der Getränkeautomat näher. Wenn die älteren Herren ihre Anweisungen geben, wo man sich einzufinden hat, denke ich manchmal, ich bin beim Zoll gelandet. Das wollte ich transportieren, und da habe ich bewusst nach Adjektiven gesucht.

Im ersten Absatz schreiben Sie über Ihre Mutter, die Pläne, die sie hatte. Das ist eindrücklich, auch unerwartet, man ist ja erstmal auf eine Krankengeschichte eingestimmt. Sie ist so lebendig, nicht einfach nur eine tote Mutter.

Das ist schön, dass Sie das sagen. Denn das ist für mich wichtig. Es ist die einzige Stelle, wo ich anfangen könnte zu heulen. Das kam so beim Schreiben, ich habe nicht drüber nachgedacht, wie etwa über die Adjektive. Es war sofort da: der Lippenstift, das Notizbuch, der VHS-Kurs. Das war sie, und das hat die Sache so dramatisch gemacht. Meine Mutter stand voll im Leben, war jung, klug, schön und ist mittendrin ausgebremst worden. Sie wollte nicht sterben, bis zum letzten Augenblick nicht. Da war nichts von Weisheit und Loslassen, da war einfach nur Trotz und Wut und Ärger. Ihr Lebenswille war enorm.

So kommt sie auch rüber.

Ich habe mir Gedanken gemacht, wie Leute, die mich kennen diesen Text aufnehmen. Ich habe mich gefragt – wie ein Kind, dem die Mutter aus dem Himmel zuguckt – wie würde sie diesen Text finden? Wie würden meine Großeltern das finden? Ich hätte den Text nicht geschrieben, wenn meine Großeltern noch gelebt hätten. Sie waren ganz treue HAZ-Leser und so typisch bescheidene Leute, von wegen „man soll sich nicht in die Öffentlichkeit drängeln“. Bei meiner Mutter weiß ich nicht genau, wie sie es gefunden hätte. Ich weiß nur, sie so zu beschreiben - das war ich ihr fast schuldig. Dieses Stück, wo sie lebendig wird - das wollte ich  transportieren, sie hätte es anders blöd gefunden.

Ihr Text wirkt sehr geschlossen, er erzählt Ihre Geschichte und umfasst vier Generationen. Was haben Sie weggelassen, weglassen müssen?

Über was ich gerne noch geschrieben hätte: Wie die Medizin uns immer mehr Möglichkeiten eröffnet, bei der Schwangerschaftsdiagnostik angefangen. Angelina Jolie ist ein weiteres Beispiel. Gen-Diagnostik ist heilbringend und lebensverlängernd. Aber sie ist auch eine Überforderung.

Und Sie haben Resonanz bekommen wie nie zuvor?

Ja, so wie nie. Und nur positiv. Es ist ganz interessant zu sehen, wie verschiedene Menschen reagieren. Es ist ja nicht zuletzt auch deshalb eine sensible Geschichte, weil es mit dem Busen zu tun hat. Es hat viele Ebenen. Das weibliche Lob war manchmal schon fast euphorisch, manche Männer haben dagegen ganz leise und diskret gesagt, dass sie die Geschichte gut fanden. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen – manchmal geht man durch die Welt und fragt sich: Sind die Leute eigentlich alle blöd? Dickfellig, unsensibel, stumpf? Bei den Reaktionen auf den Artikel von Kollegen, der Familie, Freunden und Bekannten war es anders. Es war so, dass mir die Menschen lieb waren, weil sie angemessen reagiert haben. Nicht bollerig. Ich war umgeben von Menschen, die mitgedacht haben. Das war ein gutes Gefühl.

Interview: Marie Lampert

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