Projekt für Flüchtlinge

Mehr Austausch auf den Lokalseiten

von Fabian Scheuermann

Das Projekt „Newscomer“ will mehr Geflüchtete in den Lokaljournalismus bringen.

Screenshot der Webseite Newscomer.de
Mit einem Klick aufs Bild gelangen Sie zur Bewerbung

Nah dran sein an den Leuten und an den Themen, die sie umtreiben – das haben sich alle Lokalzeitungen auf die Fahne geschrieben. Doch gerade im Fall der Berichterstattung über Geflüchtete ist es immer wieder eine Herausforderung, dieses selbst gesteckte Ziel zu erreichen. Ohne Farsi-Kenntnisse ins Gespräch mit Menschen aus Afghanistan zu kommen und den Lesern trotz Sprachbarriere und Kulturunterschieden die Lebensrealität des Gegenübers nahezubringen, kann zum Beispiel ganz schön schwierig sein.

Mehr Geflüchtete in den Lokaljournalismus zu bringen ist deshalb das Ziel eines jungen Teams aus Lokaljournalisten sowie einem Entwickler. Sie haben das Projekt „Newscomer“ ins Leben gerufen, im Rahmen dessen sie zehn „Reporter-Tandems“ aus Lokaljournalisten und Geflüchteten etablieren möchten. „Lokaljournalismus kann mit Newscomer noch spannender werden“, ist sich der Journalist Patrick Bauer sicher, der das Projekt mitinitiiert hat. Es sei an der Zeit, die „Newcomer“ in Deutschland auch verstärkt in die News zu holen und deren Perspektiven dort mehr Raum zu bieten. Die Geflüchteten würden so ermächtigt, als gleichberechtigte Gesprächspartner in den Dialog mit ihrem Umfeld zu treten – die Lokalzeitungen indes ermöglichten ihren Lesern durch eine Zusammenarbeit mit Geflüchteten ein tieferes Verständnis für die Veränderungen vor der eigenen Haustür, heißt es auf Newscomer.de.

Ideengeberin für das Projekt ist Jessica Schober, die zuletzt mit ihrer Reise durch Lokalredaktionen und einem Buch darüber („Wortwaltz“) auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit im Team sind außerdem die Journalistin Ann-Kathrin Seidel und der Webentwickler und Übersetzer Thaer Abughaush, der selbst Fluchthintergrund hat. „Journalismus im Allgemeinen und somit auch Lokaljournalismus ist nicht divers genug“, sagt Bauer. Er will diese Aussage aber nicht als erhobenen Zeigefinger verstanden wissen, sondern als ein „Aufzeigen von Möglichkeiten“. Die Zusammenarbeit mit Geflüchteten sei für die Branche eine „Riesenchance“. Und für die Gesellschaft: Schließlich fördere das Programm Integration und gegenseitiges Verständnis – und das nicht nur in großen Städten, sondern auch im ländlichen Raum. Den Geflüchteten zeige es einen weiteren Weg, in den journalistischen Arbeitsmarkt einzusteigen.

Konkret soll die Zusammenarbeit so aussehen: Mindestens zwei Stunden pro Woche nehmen sich die Tandempartner Zeit, um gemeinsam Themen zu entwickeln und an Beiträgen zu arbeiten. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe soll es sein. Journalistische Erfahrungen auf Seiten der Geflüchteten sind erwünscht, aber keine Voraussetzung – Engagement und Lust aufs Schreiben sowie mindestens gute Englischkenntnisse aber schon. Unter anderem mit Workshops will das „Newscomer“-Team die Mentoren und Mentees bei dem Prozess unterstützen. Denn die Erfahrungen in anderen Projekten, wie dem Traineeprogramm der Neuen Deutschen Medienmacher hätten gezeigt, dass solche Programme dann gut funktionierten, wenn sie auch „gut betreut“ seien, erläutert Bauer. Eine erste gemeinsame Fortbildung soll im September in Essen stattfinden, weitere „Schreib- und Bleibwerkstätten“ sind geplant. Noch läuft jedoch die Auswahl der Tandempartner, die sich noch bis 27. Juli hier bewerben können.

Maysoun Abuzugheib aus Frankfurt ist eine derer, die bei dem Tandemprogramm mitmachen möchten. Die palästinensische Journalistin sieht in der Zusammenarbeit in einem Journalismus-Tandem vor allem die Chance, sich fortzubilden. „Ich möchte etwas Neues lernen und Artikel auf Deutsch schreiben“, erklärt Abuzugheib ihr Interesse an dem Projekt. In Deutschland arbeitete die Journalistin bislang vor allem auf Arabisch für den Radiosender „Good Morning Deutschland“. Das „Newscomer“-Projekt soll sie dabei unterstützen, künftig auch auf Deutsch über ihre Schwerpunktthemen Bildung und Familie zu berichten. „Ich möchte meinen Namen bekannt machen und etwas aufbauen“, sagt sie.

Die Finanzierung des Projekts gelingt nur durch das ehrenamtliche Engagement der vier Initiatoren. Auf einer Crowdfunding-Plattform hat das Team für die Anschubfinanzierung über 10 000 Euro gesammelt, prominente Unterstützer wie das Netzwerk Recherche und die LfM-Stiftung für Lokaljournalismus Vor Ort NRW steuern weiteres Fördergeld bei.

Mehr Informationen zum Projekt und zur den Tandem-Partnerschaften gibt es hier: www.newscomer.de

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