Ausstellung

Ran an die Urnen

von Sabrina Gaisbauer

Am Thema Wahlen kommen Lokalredaktionen nicht vorbei. Aber wie kann es gelingen, immer wieder von Neuem informativ und abwechslungsreich zu berichten? Die Ausstellung „Wahlen und Lokaljournalismus – Die Zeitungen werden gehört“ vom Verband Deutscher Lokalzeitungen (VDL) in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zeigt Beispiele einer gelungenen Wahlberichterstattung im Lokalen. Die drehscheibe war bei der Eröffnung dabei.

„Herr Trittin, kiffen Sie eigentlich?“ Ein Lachen geht durch die Reihen des prunkvollen Saals, in dem über 100 Journalisten, Verleger, Medienmacher und Abgeordnete in Schlüsselpositionen sitzen. Auf dem Podium gibt Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, gerade Anekdoten von Schüler-Politiker-Fragerunden zum Besten. Die Menge blickt erwartungsvoll nach vorne, im Hintergrund glänzt der Marmor.

Am 12. März wurde die Ausstellung „Wahlen und Lokaljournalismus – Die Zeitungen werden gehört“ vom Verband Deutscher Lokalzeitungen (VDL) in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im Maritim Hotel in Berlin mit einer prominent besetzten und diskussionsreichen Auftaktveranstaltung eröffnet. „Eigentlich müssten die Zeitungen eher gelesen als gehört werden“, beginnt Volker Kauder seine Eröffnungsansprache im lockeren Ton. Dass Zeitungen – gerade Lokalzeitungen – auch in Zukunft weiterhin gelesen werden, stünde für ihn außer Frage: „Viele Leser haben ihre Zeitung nur wegen ihres Lokalteils“, meint der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Sie hätten die Inhalte, die für die Leser wirklich relevant seien, und damit Chancen, sich in Zeiten der Digitalisierung zu behaupten. Für die Demokratie seien Zeitungen unerlässlich.

Wie kann man junge Leser begeistern?

Um „Wahlen im Fokus junger Leser“ – sozusagen die Zukunft der Demokratie – geht es in der folgenden Gesprächsrunde zwischen bpb-Präsident Thomas Krüger, eben genanntem Armin Maus sowie Dieter Schreier, Chefredakteur des Hanauer Anzeigers, Rena Lehmann, Hauptstadt-Korrespondentin der Rhein-Zeitung und Bianca Bötz von der Ludwigsburger Kreiszeitung.

Junge Leser anzusprechen, ist eine schwierige Kür. Wovon fühlen sie sich angesprochen? Sollte man die junge Generation direkt ins Boot holen? Wie viel Social Media muss sein? Und wie soll man die Europawahl angehen, die ja auch noch vor der Tür steht?

Die Rhein-Zeitung hat mit ihrer Serie „Wahlzeit“ den ersten Preis in der Kategorie Print beim W(ahl)-Award , dem Journalistenpreis der bpb zur Bundestagswahl. Sie hat damit speziell junge Menschen angesprochen, es gab ein kostenloses Wahl-Abo, das knapp 8.000 Schülerinnen und Schüler genutzt haben, Schülerlektoren und Schülerreporter, Infos auf allen Kanälen. Thomas Krüger fragt nach, worauf es wirklich ankommt. „Wichtig ist es, die jungen Leser ernst zu nehmen. Wir haben den Mantel- und Lokalteil ganz auf die Jugendlichen ausgerichtet“, sagt Lehmann. Bianca Bötz von Ludwigsburger Kreiszeitung, die den European-Award gewonnen hat, stimmt ihr zu. „Auch wir wollten einen niedrigschwelligen Einstieg in das Thema bieten, auf Augenhöhe“.

Die Ludwigsburger Kreiszeitung hat zur Bundestagswahl ein Speeddating für Jugendliche namens „Forum Jugend fragt“ organisiert, auf das sich die Jugendlichen online vorbereiten konnten. „Die Jugendlichen haben irgendwann ganz natürliche, normale Fragen gestellt.“ Die Zeitung habe von diesen neuen Perspektiven auf die Wahl profitiert, bestätigt auch Armin Maus aus seinen Erfahrungen. Die Braunschweiger Zeitung ließ den Fraktionsvorsitzenden der Grünen von 180 Schülern aus der Region befragen – auch über Cannabis-Legalisierung hinaus – sowie Spitzenpolitiker von Schülerreportern begleiten und Politiker von Jungwählern bewerten. „Das ist sehr viel direkter, und es kamen Fragen und Themen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld der Leute.“ Und die sind nicht immer das, wofür Redakteure sie halten. Ähnliche Erfahrungen habe der Chefredakteur schon auf Seite zwei und drei der Braunschweiger Zeitung gemacht, auf denen Bürger zu Wort kommen. „Wir wollten Stromtrassen diskutieren – aber die Leser wollten erst mal wissen, wie sich ihre Stromrechnung eigentlich zusammensetzt.“

U18-Wahl

Die Braunschweiger Zeitung machte indes gute Erfahrungen damit, die Strukturen der U18-Wahl zu nutzen: „Wir sind eingestiegen, weil wir das mit unseren personellen und finanziellen Verhältnissen gut umsetzen konnten, es war nicht gleich ein Riesenprojekt.“ Die Zeitung hat vier Schulen inhaltlich und organisatorisch bei der U18-Wahl begleitet und die Bericherstattung darüber traditionell in Print umgesetzt. Vor allem das Feedback der Eltern sei „unglaublich“ gewesen. „Plötzlich gab es politische Diskussionen am Mittagstisch – und das teilweise auch von Kindern, die sich vorher gar nicht so für Politik interessiert haben.

Ein wichtiges Thema ist und bleibt jedoch Social Media. Für die gesamten Leser und User, gerade jedoch für die junge Zielgruppe. So stellte bpb-Präsident Krüger immer wieder mal mehr, mal weniger subtil die Frage: „Wie setzen Sie denn Social Media in Wahlbericherstattung ein?“ Lehmann von der Rhein-Zeitung berichtete von eigenen Facebook- und Twitter Accounts, mit denen Sie „Wahlzeit“ begleitet hätten, um die Jugendlichen auch hinter die Kulissen schauen zu lassen – zusätzlich zu den Erfahrungen der Schülerlektoren und -reporter. „Ich fand es wichtig, dass die Schüler den Wert des professionellen Journalismus erkannt haben; dass es zum Beispiel gar nicht so einfach ist, pointierte Fragen zu stellen.“ Interviews von Schüler mit Polikern wurden live gestreamt. Über Social Media habe es Rücklauf gegeben und die Fragen wurden während des Interviews wieder eingebracht. Auch Bötz von der Ludwigsburger Kreiszeitung erzählte, dass auf einer Podiumsdiskussion Fragen aus dem Netz live dazugeschaltet und die unbeantworteten Fragen noch im Nachgang von den Redakeuren bearbeitet wurden.

Die Europawahl im Blick

Soweit zur Bundestagswahl. Die Europawahl liegt noch vor uns. Die große Frage, vor der viele Redaktionen gerade stehen: Wie holt man sie ins Lokale? Wie bringt man sie den Lesern nahe – gleich welchen Alters?

„Ein Tipp ist, bei scheinbar absurden EU-Regelungen zu erklären, dass sie teilweise tatsächlich Sinn machen“, sagt Schreier. Zum Beispiel bei technischen, landwirtschaftlichen Verordnungen. Allgemein seien Erklärstücke wichtig. „Die Idee EU, die Friedensidee, wird durch die Ukraine wieder interessant; aber zu erklären, wie viel uns das wert ist, ist eine andere Sache. Zunächst ist es wichtig, zu verdeutlichen, was die EU eigentlich vor Ort macht, und wie die Institutionen funktionieren“.

Und was sagen die anderen Anwesenden zu den Europa-Planungen? „Je konkreter, desto besser. Man muss Gesichter finden, die für Europa stehen, die EU-Politiker vor Ort zu Wort kommen lassen, und darstellen, wo sie Einfluss nehmen“, sagt Lehmann.

„Man könnte einmal selbst die Fragen für die Leser stellen, zum Beispiel eine Seite machen mit dem Titel: Zehn Dinge, die wir noch nie an der EU verstanden haben'“, schlägt Bötz vor.

„Wir wollen Bilanz ziehen. Wir tragen zusammen, was Europa Gutes und Schlechtes in der Region in den letzten Jahren bewegt hat“, erzählt Maus. „Zu Skandalisieren ist zu einfach. Wenn man immer nur kritisiert, muss man sich nicht, wundern, dass die Wahlbeteiligung so niedrig ist. Wir haben eine Mitverantwortung“, sagt er an einer anderen Stelle. Statt eines Lachens geht nun ein Klatschen durch die Reihen.

Info

Im Zuge der Ausstellung präsentieren 24 Zeitungen und Verlage auf zwölf Schautafeln ihre Wahlbericherstattung. Die Wanderausstellung richtet sich besonders an Verlagshäuser.

Kontakt

Verband Deutscher Lokalzeitungen
Wexstraße 2
10825 Berlin-Schöneberg
Tel.: 030 - 398051-50
Internet: www.lokalpresse.de

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