NSU-Prozess

Sie bleiben dran: Lokalzeitungen im NSU-Prozess

von Rouven Kühbauch

Über 200 Verhandlungstage hat der Prozess um den Nationalsozialistischen Untergrund und Beate Zschäpe als Hauptverdächtige nun schon hinter sich. Zu Beginn gab es viel Kritik an der Beschränkung der Zahl der Beobachterplätze und am Losverfahren, mit dem diese verteilt wurden. Einigen Lokalzeitungen wurden Plätze im Gerichtssaal zuerkannt. Wie stark ist ihr Interesse am Prozess heute noch? Nutzen sie ihre Sitzplätze? Und wie berichten sie über die Verhandlung? Die drehscheibe hat nachgefragt.

Strafjustizzentrum München
Strafjustizzentrum München

Zwei Jahre ist es her, dass die Platzvergabe für den NSU-Prozess für Aufruhr in den Medien sorgte. Per Losverfahren wurden damals in Gruppen die heißbegehrten Sitzplätze vergeben. Einige regionale Zeitungen, wie die Pforzheimer Zeitung oder die Passauer Neue Presse, aber auch kleine Medien, etwa Hallo-München.de, gewannen Plätze, während überregionale Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Welt leer ausgingen (Die drehscheibe berichtete) Kritik am Losverfahren gab es reichlich: Die FAZ wandte sich in einem offenen Brief an das Oberlandesgericht München. Der Vorwurf lautete, Regionalzeitungen seien nicht in der Lage, angemessen und umfassend über eine solche Gerichtsverhandlung zu berichten. (Zum Nachlesen)

Der Prozess um Beate Zschäpe und den Nationalsozialistischen Untergrund dauert indes an. Am 14. Juli fand der 216. Verhandlungstag statt. Das öffentliche Interesse ist nach zwei Jahren nicht mehr so groß, wie es zum Auftakt der Verhandlung war. Die Unübersichtlichkeit der Verstrickungen, die Tag für Tag behandelt werden, trägt dazu bei. Details aus Telefongesprächen, unzählige Zeugen, die mal nichts gesehen haben wollen, mal durch ihr fremdenfeindliches Auftreten auffallen – Alltag vor dem Oberlandesgericht in München.

Wie steht es nun um die Berichterstattung derjenigen Zeitungen, die sich zu Beginn über ihre Sitzplätze freuen konnten? Wie regelmäßig wird berichtet? Und gelingt den Lokalzeitungen das, was ihnen die überregionale Konkurrenz nicht zutraute, nämlich die Öffentlichkeit für diesen komplizierten Prozess zu interessieren?

Eine Gerichtsreporterin lässt nicht locker

Für die Pforzheimer Zeitung etwa ist die Gerichtsreporterin Wiebke Ramm auch zwei Jahre nach Prozessbeginn regelmäßig für das Blatt im Gerichtssal. Ihre Beiträge erscheinen an wichtigen Verhandlungstagen in der Zeitung, je nach Prozessgeschehen greift die Pforzheimer Zeitung aber auch auf dpa-Meldungen zurück. Im Twitterfeed von @PZhautnah lässt Ramm die Online-Leser der Zeitung live bei der Verhandlung dabei sein. Auch die Hannoversche Allgemeine Zeitung, der Bremer Weser-Kurier und die Badische Zeitung greifen auf die Berichterstattung der renommierten Gerichtsreporterin zurück.

Screenshot eines Berichts der Thüringer Allgemeinen
Bericht der Thüringer Allgemeinen

In Thüringen hat fast alles am Prozess einen lokalen Bezug

Die Thüringer Allgemeine hat nach wie vor großes Interesse am Prozess und engagiert sich wie kaum eine andere in der Berichterstattung. Für die Zeitung sind zwei Mitarbeiter abwechselnd im Gericht. Es sei immer einer der beiden Korrespondenten anwesend, erzählt Chefredakteur Paul-Josef Raue. Da viele Zeugen, Ereignisse und Verdächtige aus dem Verbreitungsgebiet kommen, habe man ein großes Interesse am Prozessverlauf. Man veröffentliche Vor- und Nachberichte zu jedem Prozesstag, inzwischen seien wohl mehr als 1000 Artikel erschienen. Die Texte stelle man zahlreichen anderen Zeitungen zur Verfügung – vom Standard in Österreich über das Hamburger Abendblatt bis hin zur Braunschweiger Zeitung. Und obwohl der Aufwand durchaus Kosten verursache, alleine wegen der Reisen der Reporter nach München, erhielten die Kollegen der Partnerblätter die Artikel kostenfrei. Aber das Engagement wird honoriert: Martin Debes, einer der Reporter der Thüringer Allgemeinen, wurde wegen seiner NSU-Berichterstattung in Thüringen als „Journalist des Jahres“ ausgezeichnet.

Die Freie Presse (Chemnitz) verfolgt eine ähnliche Strategie: Jens Eumann beschäftigt sich bereits seit dem Jahr 2011 mit dem NSU. Bei der Verhandlung sei er immer dann anwesend, wenn regionale Zeugen befragt werden, außerdem auch bei Dreh- und Angelpunkten des Prozesses, erzählt er. Die Befragung von Mandy Struck, einer Zeugin aus dem Erzgebirge, sei so ein Fall gewesen, da – so erzählt er – damit zu rechnen gewesen sei, dass die dpa ihren Fokus weniger auf ihre Aussagen legen würde. Die ersten sechs bis sieben Wochen des Prozesses war Eumann jeden Verhandlungstag dort, mittlerweile ist es im Durchschnitt jede zweite Woche. Je nach Informationslage schreibt er für die Zeitungen des Verlages kurze Meldungen, aber auch längere Beiträge bis hin zu ganzen Seiten.

Auch nach zwei Jahren ist das Interesse groß

Eumann erzählt, wie das Bild auf den Besucherrängen aussieht: „Auch wenn sich die Reihe der Journalisten etwas gelichtet hat, ist der Ansturm auf die Beobachterplätze immer noch groß.“ Nicht belegte Medienplätze würden an andere Beobachter verteilt, und man sehe einige Menschen, die das Geschehen vor Gericht regelmäßig verfolgten.

Gerade zum Prozessauftakt war die Solidarität unter den Medien groß. Sitzplätze wurden nicht nur innerhalb der Verlage weitergegeben. Die dpa stellte einen ihrer Plätze für Reuters und AFP zur Verfügung, die Oberhessische Presse gab ihren Platz an die FAZ weiter. Andere Zeitungen kooperierten miteinander. Mittlerweile hat sich offenbar eine weitere Form der Arbeitsteilung durchgesetzt: Das Überregionale liefert die dpa, für den regionalen Bezug, die besonders wichtigen Informationen und für die Hintergrundberichterstattung greifen die vertretenen Lokalzeitungen auf ihre eigenen Mitarbeiter vor Ort zurück.

Artikelbild: Bubo / Wikimedia (Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

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