Glaubwürdigkeit

„Wir leben in einem Land mit freier Berufswahl“

von Max Wiegand

Während des Höhepunkts der Auseinandersetzungen um den Bau des Bahnhofs Stuttgart 21 war Jörg Hamann Leiter der Lokalredaktion der Stuttgarter Nachrichten. Nun wurde bekannt, dass er im Oktober zur Bahn AG wechselt und Sprecher des Projekts Stuttgart 21 wird. Dies führte zu Unmut bei einigen Lesern. Hamann selbst kann nichts Ehrenrühriges daran erkennen.

„Ich warte noch auf den Tag, an dem sie eine Fernsehserie machen, über einen abgehalfterten Boulevard-Journalisten, der aus lauter Verzweiflung anfängt, im Keller einer stillgelegten Druckerei Crystal Meth zu kochen." – Nun, ganz so schlimm wie es Richard Gutjahr kürzlich ausdrückte, ist es mit Sicherheit nicht um den Journalismus bestellt. Mittlerweile kommt es aber häufiger vor, dass selbst verdiente Redakteure die Seiten wechseln und beispielsweise einen Job in der Wirtschaft übernehmen. So auch Jörg Hamann, seit acht Jahren Lokalchef der Stuttgarter Nachrichten. Ihn zieht es zur Deutschen Bahn AG, wo er ab Oktober dieses Jahres Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart 21 wird.

Hamann hatte während der Hochphase des Streits zwischen Gegnern und Befürwortern regelmäßig über das Projekt S21 berichtet und sich dabei in der Regel für dessen Umsetzung ausgesprochen. Unter der Meldung, die seinen Wechsel auf dem Online-Portal der Stuttgarter Nachrichten bekanntgab, äußerten sich einige Leser äußerst misstrauisch. Auch die Online-Wochenzeitung Kontext kritisierte die Begleitumstände des Wechsels.

Hamann selbst hat für die Aufregung „kein Verständnis“, wie er sagt. „Wir leben in einem Land mit freier Berufswahl, und der Wechsel des Arbeitgebers gehört für jeden zur Normalität“, betont er. Es sei schlichtweg keine Seltenheit, dass Journalisten zu Unternehmen, Organisationen oder Parteien wechselten, über die sie zuvor geschrieben haben.

Auf einem Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb im Jahr 2011 hatte Hamann berichtet, dass sich die Stuttgarter Nachrichten in allen Leitartikeln „stets für S21“ ausgesprochen hätten. „Wir haben damals einfach unseren Job gemacht und dabei eine klare Trennlinie zwischen Kommentar und Berichterstattung gezogen“, bezieht Hamann dazu Stellung. Zudem sei – trotz grundsätzlich positiver Haltung – in Detailfragen auch sehr kritisch über S21 berichtet worden. „In meinem letzten Leitartikel über die Trassenführung zum Flughafenbahnhof auf der Hochebene der Filder habe ich die Bahn für ihre Planung stark kritisiert“, erzählt er. Außerdem sei damals von Seiten der Stuttgarter Nachrichten die Veranstaltungsreihe „Forum Stuttgart 21“ ins Leben gerufen worden, auf der auch namhafte Gegner zu Wort gekommen seien, wie etwa der langjährige Bundestagsabgeordnete Peter Conradi. „Die Gegner stellten bei uns erstmals das Konzept ihres Gegenentwurfs – Kopfbahnhof 21 – vor, und wir berichteten auch ausgiebig darüber“, erzählt Hamann. Für die Reihe habe man damals viel Lob bekommen, heute würden sich nur noch wenige daran erinnern.

Ob die zunehmende Anzahl der Journalisten, die in die Wirtschaft wechseln, eventuell mit schlechteren Aufstiegschancen und geringerer Bezahlung in der Branche zu tun habe, könne er nicht beantworten. In seinem Fall aber könne er das ausschließen: „Ich habe 34 Jahre als Journalist gearbeitet, davon 17 Jahre in leitender Funktion.“, erklärt er, „Mich hat einfach die berufliche Veränderung gereizt.“

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