Best Practice

„Es sollte catchy sein, aber seriös“

von Jan-Malte Wortmann

Alina Bach ist Reporterin der Volksstimme (Foto: Andreas Stedtler)
Alina Bach ist Reporterin der Volksstimme (Foto: Andreas Stedtler)

Kurz und bündig, lebensnah und authentisch: Mit Snack.Politik haben die Mitteldeutsche Zeitung aus Halle und die Volksstimme aus Magdeburg einen Social-Media-Kanal ins Leben gerufen, der die Hintergründe zur diesjährigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt speziell für eine junge Zielgruppe aufbereitet. Alina Bach, Reporterin der Volksstimme und Ein-Frau-Redaktion hinter dem Projekt, erzählt im Interview, welche Themen junge Erstwählerinnen und -wähler beschäftigen, warum journalistische Standards auch auf TikTok gelten müssen und wie sie mit Hetze in den Kommentaren umgeht.

Frau Bach, was ist die Idee hinter Snack.Politik?

Grundsätzlich geht es darum, jüngere Menschen zu erreichen, als wir es aktuell über unsere Printzeitungen oder die Website tun. Der Aufhänger ist die Landtagswahl, die im September hier in Sachsen-Anhalt stattfindet. Wir haben uns gefragt: Wo informieren sich die jungen Menschen, von denen viele in diesem Jahr zum ersten Mal wählen dürfen? Das ist nun mal bei TikTok oder Instagram. Die Volksstimme und die MZ haben da zwar bereits eigene Accounts, aber damit erreichen wir aktuell eher die 30- bis 50-Jährigen. Also haben wir Snack.Politik als eine Art Pilotprojekt gestartet, mit dem wir speziell junge Menschen ansprechen wollen – in ihrer Sprache und mit Themen, die sie interessieren. Dazu gehören etwa Bildung, aber auch Wohnen, ÖPNV, Ausbildung oder Studium.

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Grundsätze, wenn es darum geht, Politik für junge Menschen aufzubereiten?

Dass man versucht, die Themen anhand von konkreten Beispielen fassbar zu machen, ist zentral. Und dass man alles in ihrer Sprache erklärt. Dabei ist aber auch wichtig, authentisch zu bleiben. Ich brauche mich zum Beispiel nicht vor die Kamera stellen und mit irgendwelchen Jugendwörtern um mich werfen, wenn ich die selbst nicht verwenden würde. Und man darf natürlich nicht die journalistischen Standards vergessen. Nur weil ich auf TikTok bin, heißt das nicht, dass ich da anfange rumzutanzen, um die Reichweite zu erhöhen. Es sollte schon alles catchy sein, aber dennoch seriös bleiben, um zu zeigen: Ihr könnt uns vertrauen. Vertrauen und Transparenz sind enorm wichtig. Und man sollte immer versuchen, die Themen mitzunehmen, die sich aus der Community selbst ergeben – also Fragen und Debatten, die in den Kommentaren auftauchen.

Wie viele Menschen arbeiten an dem Projekt?

Direkt arbeite nur ich daran. Ich suche das Thema heraus oder werde von Kolleginnen und Kollegen auf Themen aufmerksam gemacht. Anschließend schreibe ich ein Skript und nehme es auf. Das mache ich meistens auch allein, zum Beispiel mit einem Stativ, oder es filmt mich jemand aus der Redaktion. Den Schnitt übernehme ich ebenfalls, auch das Community Management. Über das fertige Video schaut dann aber immer nochmal jemand drüber, ganz nach dem Vier-Augen-Prinzip. Und ich erhalte Unterstützung aus dem Social-Media-Team, wenn ich ein Problem oder eine Frage habe oder wenn das Projekt irgendwann eine größere Reichweite hat.

Der Kanal Snack.Politik auf Instagram (Foto: Screenshot)
Der Kanal Snack.Politik auf Instagram (Foto: Screenshot)

Sie haben schon das Stichwort Community Management genannt. Wie wichtig ist die Interaktion mit den jungen Zuschauern, und wie gehen Sie diese an?

Die ist sehr wichtig, gerade jetzt zu Beginn des Projekts. Deswegen gehe ich in die Kommentare rein und versuche sie so weit wie möglich zu beantworten oder die Themen mitzunehmen. Aktuell ist die Reichweite noch nicht so groß, deshalb geht das ganz gut. Es gibt aber auch Beiträge, die deutlich mehr kommentiert werden. Etwa mein Video zum Vorwurf der Vetternwirtschaft im AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt, das hat fast 600 Kommentare auf TikTok erhalten. Da kommt man dann nicht mehr hinterher. Denn Tatsache ist auch, dass hinter vielen Kommentaren nicht der Wunsch nach einer Diskussion, sondern eine unbewegliche Meinung und die Absicht, zu polarisieren, stecken. Aber überall, wo ich Diskussionsbedarf oder offene Fragen sehe, die wir beantworten können und müssen, da gehe ich auch drauf ein. Schließlich gibt es auch viele positive oder konstruktive Kommentare.

Wie gehen Sie mit Häme und Hetze in den Kommentaren um?

Wenn nur blaue Herzen (als Erkennungszeichen der Sympathie zur AfD, Anm. d. Red.) oder Sätze wie „Ich wähle links“ oder „XY ist mein Ministerpräsident“ auftauchen, lassen wir die stehen, weil das zum einen freie Meinungsäußerung ist und uns zum anderen ein Stimmungsbild liefert. Wenn darunter allerdings Äußerungen sind, die mich persönlich beleidigen, die Hetze gegen bestimmte Personen verbreiten oder wenn ich sehe, dass der Account ein Bot ist, verberge ich die Kommentare. Grundsätzlich kommt es dabei aber sehr auf das Thema und die genutzten Hashtags an. Wenn ich für das besagte Video etwa #afd benutze, dann ist mir klar, dass ich auch die entsprechenden Leute erreiche. Und dann merkt man auch wieder, dass die AfD eine sehr aktive Social-Media-Community hat.

Was sind darüber hinaus die größten Herausforderungen bei der Umsetzung des Projekts?

Die größte Herausforderung ist, die wichtigen Themen herauszufinden, sie auf 60 bis 90 Sekunden herunterzubrechen und damit im besten Fall in den Algorithmus reinzukommen. Dafür muss ich die richtige Zielgruppe erreichen und natürlich hoffen, dass den Leuten die Videos gefallen. Das weiß ich vorher nicht. Ich sehe nur, ob es funktioniert hat, wenn sich die Reichweite einstellt oder wenn die User kommentieren. Reichweite aufzubauen, ist unglaublich schwer. Eine weitere Herausforderung ist es, dabei immer vertrauenswürdig und authentisch rüberzukommen.

Haben Sie Tipps für Kolleginnen und Kollegen in den Lokalredaktionen, die ein ähnliches Projekt verwirklichen wollen?

Auf jeden Fall sollte man sich einen Plan machen und ein Konzept schreiben. Ob man sich letztlich wirklich an so einen Content-Plan hält, sei dahingestellt, aber man sollte einen roten Faden haben. Außerdem sollte man mutig sein! Dinge einfach ausprobieren und sich nicht an Aufrufzahlen und Likes abarbeiten. Irgendwo muss man anfangen, und es ist nicht möglich, allen Menschen zu gefallen – erst recht nicht auf Social Media. Und: Auch wenn man inhaltlich immer journalistisch seriös bleibt, sollte man sich selbst vor der Kamera nicht zu ernst nehmen.

Zu Snack.Politik gelangen Sie hier.

Interview: Jan-Malte Wortmann

Alina Bach

ist Reporterin der Volksstimme (Magdeburg). E-Mail: alina.bach@volksstimme.de

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