Best Practice

Zahlenchaos mit Struktur

von drehscheibe-Redaktion

Die Wahlkarte der Berliner Morgenpost

Zuerst veröffentlicht in der drehscheibe 12/2012.
Abgeordnetenhauswahl Berlin 2011

Idee

Jede Wahl verursacht einen enormen Datenberg. Allein bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl im Jahr 2011 gaben fast 1,5 Millionen Menschen in 78 Wahlkreisen ihre Stimme ab. Weil sich viele Wähler nicht nur für das Gesamtergebnis, sondern auch dafür interessieren, wie in ihrem Kiez abgestimmt wurde, bildeten Julius Tröger und André Pätzold, Redakteure der Berliner Morgenpost, die Wahlergebnisse aller Wahllokale online grafisch ab. „Außerdem werden die Zahlen der kleinen Parteien häufig vernachlässigt. Wir aber haben jede Stimme dargestellt“, erklärt Pätzold.

Umsetzung

Die Daten erhielten die Redakteure vom Statistikamt und der Landeswahlleitung. Danach überlegten sie, wie sie die Ergebnisse grafisch aufbereiten könnten. „Man sollte sich gut überlegen, was genau man darstellen möchte und welche Daten man wie mit anderen in Verbindung bringen muss, um neue Erkenntnisse zu schaffen“, sagt Tröger. Sie entschieden sich schließlich für eine interaktive Karte, auf der sie jede Stimme und die Geodaten, also Bezirke, Wahlkreise und Wahllokale, visualisierten. „Damit die Nutzer selbst Wahlanalysen betreiben können, haben wir zudem Wählerstrukturdaten wie Alter, Wohnlage oder Langzeitarbeitslosigkeit abgebildet“, fügt Pätzold hinzu.

Ihre eigenen Erkenntnisse haben die Redakteure regelmäßig via Facebook und Twitter gepostet. „Das wurde gut angenommen und kommentiert“, sagt Pätzold. Eigentlich wollten die Redakteure auch noch darstellen, wie sich die Wahlergebnisse im Laufe der Zeit verändert haben. „Das war aber nicht möglich, weil sich die Wahlkreise und Orte der Wahllokale bei jeder Wahl ändern“, sagt Pätzold.

Aufwand

Drei Monate lang waren beide neben ihrer Tätigkeit als Nachrichtenredakteure mit der Datenaufbereitung beschäftigt. Kurz vor der Wahl sei der Zeitaufwand besonders intensiv gewesen. Zwar lasse sich durch ihre Arbeit ein ähnliches Projekt in Zukunft schneller umsetzen, zumal die Webtechnik und entsprechende Tools in der Handhabung immer einfacher werden würden, dennoch wollen sie das nächste Mal mit einem Webentwickler zusammenzuarbeiten.

Gewinn

Neben dem Informationsgewinn für die Leser bieten die Karten auch interne Vorteile. So stoßen die Redakteure aus dem neu gegründeten Interaktiv-Team schon in der Nacht nach der Wahl auf Auffälligkeiten. Diese geben sie am nächsten Morgen direkt an ihre Kollegen aus der Print- und Online-Redaktion weiter. Wenn es zum Beispiel in einem Kiez ein außergewöhnliches Wahlergebnis gibt, das sich in Zusammenhang mit den sozioökonomischen Daten aus der Wählerschaft stellen lasst, können Reporter schon am Montag nach der Wahl losziehen und exklusive, spannende Reportage vor Ort umsetzen.

Rückblick

Die Wahlkarten entstehen seit dem Jahr 2011 zu jeder Wahl, bei der Berliner wahlberechtigt sind. In den letzten Jahren hat sich aber einiges verändert. „Legislaturperioden sind technologisch gesehen große Zeitsprünge“, sagt André Pätzold, heute Redakteur des Interaktiv-Teams der Berliner Morgenpost. Zum Beispiel muss die Webseite, auf der die Karte erscheint, responsiv sein, so dass sie auf jedem Endgerät, auch auf dem Smartphone, gut zu öffnen ist. „Seit der Bundestagswahl 2013 befinden wir uns in der glücklichen Lage, Unterstützung von Entwicklern zu haben. So können wir uns ganz auf den redaktionellen Teil der Umsetzung konzentrieren“, erläutert Pätzold weitere Veränderungen.

Der Analysepart der Karte wird zu jeder Wahl verfeinert und ausgebaut. „Die Wahl der Filter hängt dabei von den Themen im Wahlkampf ab“, erklärt Pätzold. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2016 gab es erstmals einen Extra-Modus dafür. Diesen ergänzten kurze Analysetexte, die noch in der Wahlnacht geschrieben wurden. „So konnten wir schon ab 6 Uhr das Wahlergebnis nicht nur präsentieren, sondern Auffälligkeiten für die Nutzer auch verbal einordnen – vom Wahlverhalten rund um Flüchtlingsunterkünfte bis zu dem der Zugezogenen“, sagt Pätzold.

Nachfrage zur Bundestagswahl 2017

„Die Karte zur Bundestagswahl 2017 wird mit Sicherheit auf dem technischen Stand der neuesten Karte basieren. Welche Extras sie bieten wird, ist noch nicht klar“, prognostiziert Pätzold. Die Extras werden davon abhängen, welche Themen den Wahlkampf dominieren. Und das lässt sich noch nicht im Voraus sagen.

Die aktuelle Wahlkarte der Berliner Morgenpost finden Sie unter berlinwahlkarte2016.morgenpost.de

André Pätzoldt von der Berliner Morgenpost

André Pätzold

Zeitung: Berliner Morgenpost
Mail: andre.paetzold@morgenpost.de
Twitter: @AlterPaetz

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