Glossar

Glossar der Neuen Deutschen Medienmacher

An dieser Stelle präsentiert die drehscheibe Formulierungshilfen für die Berichterstattung rund um das Thema Einwanderung und Flucht. Entwickelt wurde das Glossar für Journalisten und Medienschaffende von den Neuen deutschen Medienmachern.

Schwarze

„Wenn es um Rassismus, unterschiedliche Erfahrungen und Sozialisationen geht, ist der politisch korrekte Begriff Schwarze. In allen anderen Fällen gibt es aber meistens gar keinen Grund, dazu zu sagen, ob eine Person Schwarz oder weiß ist.“ (zitiert von www.derbraunemob.info). Farbige/farbig ist ein kolonialistischer Begriff und negativ konnotiert. Eine Alternative ist die Selbstbezeichnung People of Color (PoC, Singular: Person of Color).

Ausländerhass

… als Synonym für Rassismus und rassistische Tatmotive sind ungenau, da es selten um tatsächliche Fremde wie etwa Touristen geht. Von der vermeintlichen „Ausländerfeindlichkeit“ sind oft deutsche Staatsangehörige betroffen. Werden Ausländerhass oder Fremdenfeindlichkeit als Motive genannt, gibt das die Perspektive der Täter wieder. Präziser ist es, die Motive, Straftaten oder Gesinnungen als rassistisch, rassistisch motiviert, rechtsextrem oder neonazistisch zu bezeichnen.

Niqab

… ist ein Gesichtsschleier, der nur die Augen freilässt. Ein Niqab wird teils in Verbindung mit einem langen, meist schwarzen mantelähnlichen Umhang getragen (z.B. in Saudi-Arabien, Jemen, Oman, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Katar). In arabischen Ländern heißt dieser Mantel oder Umhang Abaya, im Iran Tschador.

Islamischer Staat

… ist die derzeit gängige Bezeichnung für eine seit 2003 aktive dschihadistisch-salafistische Terrororganisation. Zuvor nannte sie sich ISI (Islamischer Staat im Irak), änderte ihren Namen 2013 in „al-Dawlah al-Islamiyah fi al-Iraq wa al-Sham“ (arabisch: Islamischer Staat im Irak und der Levante), dessen Abkürzung ISIL wird von der US-amerikanischen und der britischen Regierung verwendet. Die im Deutschen auch gebräuchliche Bezeichnung ISIS (Islamischer Staat in Irak und Syrien bzw. Großsyrien) vernachlässigt, dass der Machtanspruch der Gruppe über die beiden Länder hinaus reicht. 2014 änderte die terroristische Organisation sich namentlich erneut um in IS (Islamischer Staat), um Staatsgrenzen für bedeutungslos zu erklären. Manche Politiker benutzen offiziell die Bezeichnung Daesh (Frankreich) oder DEAS/DAES (Türkei), die sich aus den arabischen Initialen der Gruppe zusammensetzten. Die Terroristen selbst lehnen diese Namen ab, weil sie im Arabischen negative Bedeutungen haben.

Willkommenskultur

… ist zur Standardvokabel in der Asyldebatte geworden. Gemeint ist meistens das Mitgefühl der vielen Ehrenamtlichen, die sich für Geflüchtete engagieren und damit eine Willkommenskultur schaffen. Vorher war Willkommenskultur eher ein politisches Leitbild für die multikulturelle Aufnahmegesellschaft im Kontext der Integrationsdebatte. Kritisiert wird der Begriff z.B. von Medienwissenschaftler Alexander Kissler, der darauf verweist, dass sich das Wort „Willkommen“ nur auf den kurzen Vorgang des Kommens beziehe, also keinen sich verstetigenden Zustand bezeichnen könne. (Vgl. Einwanderungsgesellschaft).

Mischehe

… beruht als Begriff auf der Rassentheorie und wurde vor allem im Zuge der Rassenhygiene zur Zeit des Nationalsozialismus verwendet. Gute Alternativen sind binationale oder ggf. interreligiöse Ehe.

Flüchtlingskrise

… ist ein häufig verwendeter Begriff der aktuellen Berichterstattung zur Asyldebatte. Er sagt aus, dass es eine Krise wegen geflüchteter Menschen gebe, kann allerdings kritisch hinterfragt werden: Gemessen an derzeit weltweit rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht und der Zahl von gut 81 Millionen Einwohnern in Deutschland, erscheinen knapp eine Million Menschen, die nach Deutschland kommen, nicht sehr viel. Zudem weist das Schlagwort „Flüchtlingskrise“ die Verantwortung den geflohenen Menschen zu, anstatt die Ursachen für Probleme in einem möglichen Versagen deutscher Gesetze und Strukturen zu suchen. Entsprechend könnte auch von einer Asylgesetzkrise oder neutraler von Asylpolitik die Rede sein.

Burka

… verhüllt den ganzen Körper, den Kopf und das Gesicht, die Augen sind von einem Stoffgitter verdeckt; vor allem typisch in Afghanistan und teils in Pakistan. Burka wird oft falsch verwendet, wenn eigentlich ein Gesichtsschleier gemeint ist, der die Augen freilässt, also ein Niqab.

Kontingentflüchtlinge

… sind Geflüchtete aus Krisenregionen, die im Rahmen nationaler oder internationaler Hilfsaktionen staatlich aufgenommen werden. Kontingentflüchtlinge durchlaufen nicht das Asylverfahren und erhalten vorübergehend Schutz in Deutschland. Als Kontingentflüchtlinge wurden zum Beispiel auch jüdische Emigranten aus der ehemaligen UdSSR bezeichnet. Oft wird heutzutage von Flüchtlingen gesprochen, die in festgelegter Anzahl aus humanitären Gründen aufgenommen werden (derzeit gilt das für Menschen aus Syrien).

Sichere Drittstaaten

… sind die EU-Staaten sowie Norwegen und die Schweiz, in denen Asylsuchenden „nach den verfassungsrechtlichen Vorgaben“ alle Rechte auf Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention zugestanden werden. Haben Schutzsuchende sichere Drittstaaten erreicht, wird ihnen die Einreise nach Deutschland an der Grenze verweigert; wer aus einem „sicheren Drittstaat“ einreise, könne sich lt. §26a Asylgesetz nicht mehr auf das Grundrecht auf Asyl berufen. Die gleiche Regel gilt auch im Dublin-Verfahren für die oben genannten Länder sowie Island und Lichtenstein.

Parallelgesellschaft

… ist ein Schlagwort, das Anfang der 2000er Jahre im Zusammenhang mit der Integrationsdebatte um Muslime in Deutschland populär wurde. Der Begriff ist inhaltlich diffus und nicht konkret definiert. Er konstruiert ein Bild homogener Minderheiten, die sich räumlich, sozial und kulturell von der Mehrheitsbevölkerung abschotten. Ihnen wird „Integrationsunwilligkeit“ unterstellt, ohne zu berücksichtigen, dass für Integration die gesamte Gesellschaft verantwortlich ist.

Obergrenze

… ist eine politische Forderung, um das Recht auf Asyl in Deutschland auf eine bestimmte Anzahl von Personen zu beschränken. Dabei ist unklar, ob solch eine Obergrenze rechtlich zulässig wäre. Das Recht auf Asyl ist ein Grundrecht und hat Verfassungsrang.

Asylkritiker / Asylgegner

… wären im eigentlichen Wortsinn eher Kritiker der Asylgesetzgebung, wie z.B. der Residenzpflicht für Geflüchtete. Tatsächlich sind die Begriffe „Asylkritiker/Asylgegner“ oft Euphemismen für diejenigen, die sich rechtsextrem oder rassistisch gegen Geflüchtete äußern, und werden häufig als Selbstbezeichnung von Rechtsextremen benutzt. Da das Recht auf Asyl im Grundgesetz niedergeschrieben ist, kann dessen vollkommene Ablehnung als verfassungsfeindlich eingestuft werden. In der Berichterstattung können Menschen mit rechtsextremen Positionen als Rechtsextreme bezeichnet werden. Die Nachrichtenagentur dpa verwendet die Begriffe „Asylkritiker/Asylgegner“ seit Juli 2015 nicht mehr, weil sie beschönigend sind.

Abschiebung

… bezeichnet die unter Zwang erfolgende Ausreise eines Ausländers aus Deutschland. In vielen Fällen findet sie unter Anwendung von polizeilicher Gewalt sowie in Begleitung von Polizeibeamten statt. Behörden verwenden dafür den Begriff „Rückführung“, der von Flüchtlingshilfsorganisationen als euphemistisch kritisiert wird.

Wirtschaftsflüchtling

… oder auch „Scheinasylant“, „Asylbetrüger“ werden immer dann als abwertende Bezeichnungen für Geflüchtete verwendet, wenn suggeriert werden soll, dass das Grundrecht auf Asyl ausgenutzt werde, indem Menschen vor allem aus (nicht-asylrechtsrelevanten) wirtschaftlichen Gründen fliehen. Dagegen spricht, dass die Anerkennungsquoten für Schutzsuchende in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind.

Flüchtlingsstrom

… ist eine Metapher in der aktuellen Berichterstattung, mit denen die Einreise von Geflüchteten beschrieben wird. Sie vermittelt das Bild eines Naturphänomens, das sich seinen Weg nach Deutschland bahnt oder das Land überschwemmt. Menschen und ihre Einzelschicksale werden dadurch zu einer anonymen, bedrohlichen Masse. Zudem wird suggeriert, dass die Politik machtlos einer Naturgewalt ausgesetzt ist und damit den Schutzsuchenden selbst die Verantwortung für asylpolitische oder strukturelle Probleme bei ihrer Aufnahme in Deutschland zugewiesen. Angemessener wäre es, zum Beispiel eine konkrete Zahl zu nennen, ggf. Vergleiche anzustellen oder von Zuzug zu sprechen.

Integrationsverweigerer

… steht für die diffuse Vorstellung, dass Einwanderer die deutsche Gesellschaft, ihre Werte und Gesetze ablehnen würden. War anfangs noch die Rede von Menschen mit „Integrationsbedarf“ und „Integrationsproblemen“, wurden daraus später „Integrationsunfähige“ und „Integrationsunwillige“, heute taucht öfter der „Integrationsverweigerer“ auf. Daran wird deutlich, dass Einwanderern oft eine willentliche und aktive Abgrenzung unterstellt wird, was jedoch nur sehr selten der Fall ist. Studien verweisen eher auf einen Mangel an Chancengleichheit und fehlende oder erschwerte Möglichkeiten zur Partizipation.

Mutmaßlicher Islamist

… taucht in Medienberichten häufig auf und ist irreführend: Islamist zu sein, ist nicht verboten, das heißt die Gesinnung ist nicht strafbar. Ungesetzlich sind dagegen islamistisch motivierte Gewalt und Propaganda für verbotene Organisationen wie IS. Meist sind also nicht mutmaßliche Islamisten gemeint, sondern Terrorverdächtige. Zutreffend könnte zum Beispiel sein: „Die Polizei nahm einen Terrorverdächtigen fest. Die Behörden vermuten, er habe aus islamistischen/religiös begründeten Motiven gehandelt."

Asylbewerber

… sind juristisch gesehen Personen, die einen Antrag auf Anerkennung als politisch Verfolgte gestellt haben, deren Verfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aber noch nicht abgeschlossen sind. Allerdings ist der Begriff „Asylbewerber“ irreführend, weil ein Grundrecht auf Asyl besteht; Menschen bewerben sich aber nicht um Grundrechte, sie haben sie einfach. Alternative Begriffe: Asylsuchende, Geflüchtete oder Schutzsuchende.

Bleibeperspektive

Der Begriff soll die Kategorisierung von Asylsuchenden in solche mit guter/günstiger Bleibeperspektive und jene mit schlechter/geringer Bleibeperspektive zulassen. Letztere sind Menschen aus Ländern mit einer relativ hohen Anzahl von Asylsuchenden bei zugleich niedriger Schutzquote. Geflüchtete mit guter Bleibeperspektive erhalten einen schnelleren Zugang zu Sprach- und Integrationskursen. Diese Einteilung in „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge läuft einem Grundgedanken des Asylrechts, der individuellen Prüfung der Fluchtgründe, zuwider.

Biodeutsche

… wurde vor einigen Jahren von „Migrationshintergründlern“ als Gegenentwurf mit scherzhaft-provokantem Unterton in die Debatte gebracht und wird inzwischen aus Mangel an Alternativen mitunter ernsthaft verwendet. Viele so Bezeichnete lehnen ihn ab, weil in ihm die Vorstellung von Genetik mitschwingt. Das Gegenteil wären Synthetik-Deutsche – also wieder eine Zuordnung in echte und nicht echte Deutsche. Allerdings: Als Kürzel für Biografisch-Deutsche möglich, wenn einmal die ausgeschriebene Form verwendet wird.