Wahlen

files/drehscheibe/Themen/Aktuelles/Kanzlerkandidaten_Facebook.jpgDuell auf Facebook: Die Seiten von Angela Merkel und Peer Steinbrück (Screenshots)

Im Netz auf Wählerjagd

Interaktiv, multimedial, dialogorientiert. Im Bundestagswahlkampf 2013 wollen sich die Parteien im Internet und den sozialen Netzwerken präsentieren wie nie zuvor. Sie setzen auf soziale Netzwerke und Mitmach-Aktionen und hoffen auf den Obama-Effekt. Doch wie fruchtbar ist die Strategie? Robert Domes hat mit Vertretern der Parteien gesprochen.


Fünf Monate vor der Bundestagswahl kommt der Wahlkampf im Netz langsam auf Touren. Bereits jetzt steht fest: Die Parteien werden alle Kanäle bespielen. Bereits bei der Bundestagswahl 2009 wurde heftig gepostet, getwittert, gefilmt und gebloggt. Das wird sich deutlich verstärken. Millionen Facebook- und Twitter-Nutzer sollen informiert, politisiert, erobert werden.

Der Dialog über soziale Medien steht in den Kampagnenzentralen ganz oben. Aus der CDU-Parteizentrale heißt es: „Wir sind auf allen relevanten sozialen Netzwerken vertreten, haben allerdings eine klare Fokussierung auf Facebook, Twitter sowie Youtube, also auf die reichweitenstärksten Angebote." Auch die SPD lege ihr besonderes Augenmerk auf Facebook und Twitter sowie auf den eigenen Videokanal SPD:vision“, sagt Hans-Jörg Vehlewald, Abteilungsleiter Kommunikation im SPD-Parteivorstand.

Ähnliches ist aus allen Wahlkampfzentralen zu hören. „Die sozialen Netzwerke sind der entscheidende Raum, um unsere Inhalte im Netz zu verbreiten“, meint Robert Heinrich, Wahlkampfmanager der Grünen. Thomas Diener, Bereichsleiter Dialog bei der FDP, ist sich sicher, ohne Präsenz in den sozialen Netzwerken werde man besonders junge Menschen kaum mehr erreichen. „Die gehen nicht auf die FDP-Webseite. Das heißt, wir müssen dorthin gehen, wo die Leute sind."

Ob damit Unterstützer zu gewinnen sind, bezweifeln Experten. Andreas Jungherr, Politologe an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, vermutet, das Internet werde keine stärkere Rolle in der Ressourcengewinnung einer Kampagne spielen. „Es wird hauptsächlich als Medium genutzt, um die eigenen Unterstützer zu motivieren und um ein zwei schöne Ereignisse zu inszenieren, die dann den Sprung in die traditionellen Medien schaffen." Simone Jost-Westendorf, Redaktionsleiterin bei politik-digital.de, sieht das ähnlich: „Nicht alle Politiker haben verstanden, die sozialen Medien interaktiv zu nutzen.“ Die Möglichkeiten, Meinungen einzuholen und Stimmungen einzufangen, würden noch zu wenig angewendet.
Ginge es nach der Zahl der Facebook-Fans, hätte Angela Merkel die Wahl bereits gewonnen. Die Kanzlerin gefällt 238.000 Usern, ihr Kontrahent Peer Steinbrück hingegen bringt es nur auf knapp 21.000 Likes. Bei den Parteien haben die Piraten mit 78.000 Anhängern die Nase vorn. SPD und Grüne haben weniger als die Hälfte, die SPD 36.000, Grüne 35.000. Die CDU hat 26.000 Likes, FDP und Linke jeweils 20.000.

Doch keiner weiß, was diese Währung wert ist. Es sei schwierig, nachzuweisen, aus welcher Mediennutzung heraus tatsächlich ein Impuls für die Wahlentscheidung hervorgeht, meint Christoph Bieber, Professor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der Uni Duisburg-Essen (siehe drehscheibe-Interview). Auch Politik-Wissenschaftler Jungherr warnt davor, an Online-Kennzahlen Wahlabsichten festzumachen. „Das, was da stattfindet, ist eine Art Spektakel.“

Das gilt vor allem für Twitter. „Unser Twitter-Kanal richtet sich in erster Linie als Ticker an Multiplikatoren“, sagt Marion Heinrich, stellvertretende Pressesprecherin der Linken. So wie ihr ist allen Wahlkämpfern bewusst, wie sehr Journalisten den Kurznachrichtendienst beobachten und nutzen. Christoph Bieber geht davon aus, dass die Twitter-Aktivitäten der Parteien und Kandidaten im Herbst erheblich zunehmen werden. Schon jetzt ist ein Rennen im Gange, wer die meisten Fans, Follower, Links und Likes hat.

Jedoch warnt Jungherr gerade bei Twitter die Journalisten zur Vorsicht. „Twitter ist ein leicht manipulierbares Medium.“ Eine gut organisierte Minderheit sei in der Lage, scheinbare Unterstützung für eine Partei vorzugaukeln.

Dabei geht es nicht nur um die Zahl der Freunde und Follower, sondern darum, wessen Unterstützer sich am lautesten zu Wort melden. Jungherr meint: „Es geht darum, dass ein Kandidat Enthusiasmus online generiert, über diesen Enthusiasmus schreibt dann die Presse.“

Die Frage ist also nicht, ob das Web 2.0 für den Wahlkampf genutzt wird, sondern wie intensiv und wie zielgruppenorientiert. Hier sind alle Parteien auf der Suche. „Wir testen bei Facebook, die Zielgruppen einzugrenzen und auch regional zuzuschneiden", sagt Thomas Diener von der FDP. Hans-Jörg Vehlewald betont, die SPD werde die politischen Inhalte nicht nach den Verbreitungskanälen richten. „Die Darstellungsformen sind aber komplexer geworden.“ Marion Heinrich formuliert es für die Linken so: Die Kommunikationsstrategie soll „aus einem Guss“ sein, wiedererkennbar und inhaltlich nicht beliebig. Dafür nutze man online bei Bedarf die Möglichkeiten, bestimmte Zielgruppen mit bestimmten Themen anzusprechen. Robert Heinrich will sperrige Inhalte in den Grünen-Portalen bekömmlich aufbereiten. Dazu zählt zum Beispiel der „Abwählkalender“ (www.abwaehlkalender.de), mit dem die Grünen täglich ein Argument gegen die Bundesregierung aufspießen. „Auch die, die sich sonst wenig für Politik interessieren, sollen erreicht werden“, sagt Heinrich. Allerdings ist ihm auch klar: „Massenhafter Dialog kann nicht nur über die Parteizentrale laufen.“ Das funktioniere nur, wenn man die Mitglieder ins Boot hole.

Dafür sollen unter anderem parteieigene Communities sorgen, zum Beispiel meine-freiheit.de bei der FDP oder die Merkel-Unterstützerkampagne Team Deutschland (www.team.cdu.de). Die CDU will auf dem positiven Ergebnis von 2009 aufsatteln. Damals, so heißt es aus der Parteizentrale, sei das Team Deutschland „mit rund 28.000 Mitgliedern die größte und erfolgreichste politische Unterstützerkampagne im Bundestagswahlkampf" gewesen. Mitte April startete die SPD ihre zentrale Freiwilligen-Plattform mitmachen.spd.de. Über sie soll die Wahlkreisarbeit koordiniert und der Wahlkampf vor Ort organisiert werden.

Für Jungherr ist das ein gutes Beispiel, dass aus der Obama-Kampagne die richtigen Lehren gezogen werden. „Man sieht bei den etablierten Parteien - und besonders zur Zeit bei der SPD - dass die Kampagnen versuchen, das Internet verstärkt in die Organisation des lokalen Tür-zu-Tür-Wahlkampfs zu nutzen. Wie erfolgreich das sein wird bleibt jedoch abzuwarten.“ Entscheidend sei nicht die kreative Nutzung von Twitter oder Facebook, so der Politikwissenschaftler, sondern die effektive Nutzung von Onlinetools für die Unterstützung des Fundraising der Kampagne und der Mobilisierung von Wählern.


Und was machen die Piraten, die ja als Vorreiter der politischen Online-Kommunikation gelten? Pressesprecherin Anita Möllering hält sich bedeckt, was die Strategie für die Bundestagswahl angeht. Man werde die Botschaften auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen kommunizieren – online wie offline. Social Media werde dabei „eine zentrale, aber nicht entscheidende Rolle“ spielen. Die Piraten sehen sich als Mitmachpartei, der Austausch über Konferenzsoftware, Kommunikationsdienste, Liquid Feedback ist auch außerhalb des Wahlkampfs vielfältig. Wie diese Werkzeuge im Wahlkampf genutzt und entwickelt werden, will Möllering aber noch nicht verraten.

Inzwischen bieten alle Parteien Mitmach-Aktionen. Chats mit Kandidaten, Foren über die Inhalte, Plakate mit individualisiertem Inhalte. Fast schon normal ist es, dass die Partei- und Wahlprogramme öffentlich im Netz diskutiert werden können. Aktuelles Beispiel ist das Google-Hangout von Angela Merkel. Bürgerinnen und Bürger können sich zur Online-Videokonferenz mit der Kanzlerin anmelden. Die Grünen wollen kurz vor der Wahl wieder eine Rund-um-die-Uhr-Aktion starten. „Drei Tage wach“ hieß das Projekt 2009, bei dem aus der Bundesgeschäftsstelle nonstop live gesendet wurde. „Wir feilen an einer neuen Aktion und werden noch eins draufsetzen", verspricht Robert Heinrich


Allerdings vermisst Jungherr bei vielen dieser Dialogangebote die Transparenz. Oft werde nicht dokumentiert, wie viele Leute sich beteiligen, wie der Prozess abläuft. „Parteien sagen, sie ermöglichen den Dialog, aber man weiß nicht, was der tatsächliche Mehrwert ist.“ Das sei nur „die Fassade von Interaktivität“. Bei vielen Internet-Aktionen müsse man fragen, ob es um wirklichen Dialog oder nur um Wahlkampf geht, meint Simone Jost-Westendorf. Als Beispiel nennt sie den Twitter-Account von Hannelore Kraft, der nach der NRW-Landtagswahl nicht mehr bedient wurde. „Das ist dann nur ein Feigenblatt.“

Ohnehin dürfte das Angebot überwiegend Mitglieder und einige Interessierte erreichen. So betonen alle Parteisprecher, wie wichtig das direkte Gespräch mit den Bürgern sei. SPD-Berater Vehlewald ist überzeugt, dass der Internet-Kontakt den direkten Draht zu den Wählern nicht ersetzen kann. „Am Ende wird es darauf ankommen, möglichst viele Menschen vor Ort persönlich angesprochen zu haben.“

 

Text: Robert Domes

 

Lesen Sie auch das Interview mit Christoph Bieber zu den Chancen des Online-Wahlkampfs.

 

Hier geht es zu einem Dossier zum Thema Online-Wahlkampf der bpb aus dem Jahr 2009.

 

Weitere Linktipps:

  • politik-digital.de: Der Verein, bei dem Prof. Christoph Bieber Vorstand ist, befasst sich mit Politik und neuen Medien
  • wahl.de: Übersicht über Online-Aktivitäten von Parteien und Politikern
  • fine-sites.de: Der Onlineberater Tomas Renner Jones bietet dort einen Parteiencheck.

Kommentare

Kommentar von Die Red. |

Danke für den Hinweis, wir haben den Link entfernt.Die Red.

Kommentar von Wohli |

Warum wird bei den aufgezählten Social-Media-Kanälen einzig auf den YouTube-Kanal der SPD verlinkt, nicht aber z.B. auf den der CDU?

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